Digitaler Faschismus und
digitaler Kapitalismus
Christian Fuchs
Universität Paderborn, Paderborn, Deutschland,
https://fuchsc.net, christian.fuchs@triple-c.at
Abstract: Worum handelt
es sich beim digitalen Faschismus? Was ist der digitale Kapitalismus? Und in
welchem Verhältnis stehen die beiden zueinander? Dieser Artikel theoretisiert
den digitalen Faschismus als eine zeitgenössische Form des rechten
Autoritarismus, der im Kapitalismus verwurzelt ist und durch digitale
Infrastrukturen neu organisiert wird. Aufbauend auf der Analyse des
Autoritarismus durch die Frankfurter Schule wird Faschismus neu
konzeptualisiert als terroristische, antidemokratische Organisationsform –
charakterisiert durch Führerkult, Nationalismus, Freund-Feind-Schema und
militantes Patriarchat –, deren Wiederaufleben durch kapitalistische Krisen
beschleunigt wird. Der Artikel entwickelt einen dualen Rahmen: Faschistische
Praktiken (Kognition, Kommunikation, Koproduktion) und digitale Strukturen
(Plattformen, Algorithmen, Datafizierung) erzeugen
sich wechselseitig, wodurch nutzergenerierter Hass, postfaktische Propaganda,
algorithmisches Targeting, Cyberangriffe und digital vermittelte Gewalt
ermöglicht werden. Zehn historische Hypothesen zeichnen den Wandel von
Rundfunkpropaganda zu Influencer-Netzwerken, von Straßenmilizen zu teilweise
automatisierten Konflikten und von offener Antidemokratie zu „schleichendem“
Autoritarismus nach, der demokratische Legitimität für sich beansprucht. Unter
Einbeziehung politökonomischer Belege zeigt der Artikel, wie wichtige Teile des
digitalen Kapitals, des Finanzkapitals und des fossilen
Kapitals/Transportkapitals aufkommende autoritäre Projekte finanzieren und
legitimieren und sich so ein autoritärer digitaler Kapitalismus herausbildet,
dessen Grenze zum digitalen Faschismus durchlässig ist. Die Schlussfolgerung
plädiert für eine digitale Demokratie, die der Verschmelzung von
Großunternehmen und Großmacht im digitalen Zeitalter entgegenwirkt.
Keywords: Faschismus, Kapitalismus, digitaler Faschismus, digitaler Kapitalismus
Acknowledgement: Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift Philosophy & Social Criticism veröffentlicht. Unter Verwendung einer CC-BY-Lizenz wurde der Originalbeitrag ins Deutsche übersetzt und wird auf Basis dieser Lizenz in tripleC veröffentlicht. Originalveröffentlichung: https://doi.org/10.1177/01914537261434922
Am
21. Januar 2025 waren einige der mächtigsten Tech-Mogule
der Welt zu Gast bei Donald Trumps Amtseinführung als US-Präsident. Darunter
waren Elon Musk (X), Mark Zuckerberg (Meta), Jeff
Bezos (Amazon), Sundar Pichai (Alphabet), Tim Cook (Apple), Shou Zi Chew (TikTok USA) und Sergey Brin
(Google/Alphabet)[1]. Diese Personen sind nicht
nur Vertreter der mächtigsten digitalen Medienkonzerne, sondern viele von ihnen
gehören auch zu den reichsten Menschen der Welt[2].
Einige Beobachter interpretierten diese Szene als Symbol für die Verschmelzung
von digitalem Kapital und der nationalistischen Rhetorik der neuen Regierung.
In diesem Zusammenhang
wurden Begriffe wie digitaler Autoritarismus (Gosztonyi 2023, Maerz 2024,
Pearson 2024, Roberts und Oosterom 2024) und
digitaler Faschismus (Degeling 2024, Demír 2025; Fielitz und Marcks 2019, 2022; Fuchs 2022; Klikauer und Simms 2021) verwendet. Um die gegenwärtigen
Veränderungen des Kapitalismus und der Gesellschaft zu analysieren, benötigen
wir passende Definitionen und ein gutes Verständnis dieser Begriffe. Dieser
Beitrag soll zur Theoretisierung des Faschismus und des digitalen Faschismus
beitragen, indem er sich mit den folgenden zwei Fragen befasst: Was ist der
digitale Faschismus? In welcher Beziehung stehen digitaler Faschismus und
digitaler Kapitalismus zueinander?
Ich argumentiere erstens, dass der digitale Faschismus am besten als Dualität von Praktiken und Infrastrukturen verstanden werden kann – faschistische Kognition, Kommunikation und Koproduktion, die rekursiv durch Plattformarchitekturen und Datenökonomien geprägt sind; zweitens, dass der zeitgenössische digitale Kapitalismus die Anreize, Finanzmittel und Möglichkeiten bereitstellt, die solche Praktiken wahrscheinlicher und skalierbarer machen. Der Aufsatz ist wie folgt aufgebaut: Zunächst wird der Begriff des Faschismus erörtert (Abschnitt 2), dann werden die zentralen Merkmale digitaler Medien behandelt (Abschnitt 3), anschließend wird der digitale Faschismus theoretisch begründet (Abschnitt 4) und schließlich wird das Verhältnis von digitalem Kapitalismus und digitalem Faschismus skizziert (Abschnitt 5). Abschließend werden einige Schlussfolgerungen gezogen.
Wenn wir verstehen
wollen, worum es sich beim digitalen Faschismus handelt, müssen wir zunächst
einmal den Faschismus begreifen. Deshalb ist es sinnvoll, sich zunächst mit den
häufig zitierten Definitionen des Faschismus auseinanderzusetzen.
Im
heutigen Verständnis des Faschismus gibt es einige häufig zitierte
Definitionen. Eine davon ist Roger Griffins (1993, 2003) Konzept des Faschismus
als palingenetischer Ultranationalismus, der sich durch Nationalismus,
Rassismus und Antiliberalismus auszeichnet. Stanley G. Payne (1995, 14)
vertritt eine ähnliche Auffassung, wonach Faschismus als „revolutionärer
Ultranationalismus für die nationale Wiedergeburt“ zu verstehen sei. Jason
Stanley definiert Faschismus als eine radikale Form des Nationalismus: „Im Kern
des Faschismus steckt die Loyalität gegenüber dem Stamm, der ethnischen
Identität, der Religion, der Tradition oder – mit einem Wort – der Nation. Doch
im krassen Gegensatz zu einer Auslegung des Begriffs, die Gleichheit im Sinn
hat, beinhaltet der faschistische Nationalismus eine Ablehnung des
liberal-demokratischen Ideals; er steht rein im Dienste der Herrschaft mit dem
Ziel, einen Platz an der Spitze einer Hierarchie von Macht und Status zu
erlangen oder zu bewahren“ (Stanley 2024, 118). Eatwell
(1996) definiert ein faschistisches Minimum, bei dem charismatische Führung,
Kollektivismus, Nationalismus, Gewalt, Antiliberalismus und ein dritter Weg
jenseits von Sozialismus und Kapitalismus die Hauptmerkmale des Faschismus
sind. Paxton (2004, 218) beschreibt den Faschismus als „eine Form des
politischen Verhaltens, die durch eine obsessive Beschäftigung mit dem
Niedergang der Gemeinschaft, Demütigung oder Opferrolle und durch
kompensatorische Kulte der Einheit, Energie und Reinheit gekennzeichnet ist, in
dem eine massenbasierte Partei engagierter nationalistischer Militanter, die in
einer schwierigen, aber effektiven Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten
steht, demokratische Freiheiten aufgibt und mit erlösender Gewalt und ohne
ethische oder rechtliche Beschränkungen Ziele der inneren Säuberung und äußeren
Expansion verfolgt”. Viele zeitgenössische, aktualisierte Analysen des
Faschismus stützen ihr Verständnis des Faschismus auf solche Definitionen (zum
Beispiel Bratich 2022; Fielitz und Marcks 2022,
2019), was ihren Einfluss verdeutlicht.
Die Definitionen von
Griffin, Payne und Stanley konzentrieren sich auf Aspekte des Nationalismus. Eatwell und Paxton analysieren Faschismus als eine Form der
Politik, die eine Reihe von Merkmalen aufweist. Alle diese Definitionen sind
politisch ausgerichtet: Sie legen einen starken Fokus auf politische Theorie
und stellen die politische Dimension des Faschismus in den Vordergrund. Obwohl
die Politik eine wichtige Dimension des Faschismus und der Gesellschaft ist,
ist sie immer mit der Wirtschaft verflochten, was auch von politökonomischen
Ansätzen betont wird (siehe Wolff und Resnick 2012; Caporaso und Levine 1992).
Den zitierten Definitionen fehlt ein Fokus auf Wirtschaft und die
Wechselwirkung zwischen Wirtschaft und Politik. Sie können nicht erklären,
warum faschistische Bewegungen in Zeiten schwerer politischer, wirtschaftlicher
und gesellschaftlicher Krisen oft an Intensität gewinnen und warum es häufig
eine enge Verbindung zwischen kapitalistischen Interessen und faschistischer
Politik gibt. Sie erklären nicht, „warum faschistische Bewegungen, so groß ihr
rhetorischer Antikonservatismus auch sein mag, immer auf konservative Kräfte
gesetzt haben”, das heißt, auf Kräfte, die den Kapitalismus erhalten und
Ungleichheiten naturalisieren wollen, „um Unterstützung zu gewinnen und die
Macht anzustreben – und niemals auf die Kräfte der Linken” (Thompson 2011, 88).
Sie nehmen Max Horkheimers (1939, 115) Diktum nicht ernst: „Wer aber vom
Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“. Da die
Silicon-Valley-Konzerne als hegemoniale Fraktion des Kapitals heute den
Autoritarismus unterstützen, müssen wir uns, genau wie zu Zeiten Horkheimers,
auch heute mit der Analyse der Verflechtung von (digitalem) Kapitalismus und
(digitalem) Faschismus auseinandersetzen.
Mein Verständnis des Faschismus hat einen anderen
Ausgangspunkt als die diskutierten Ansätze. Es stützt sich nämlich auf den
Begriff des Autoritarismus der Frankfurter Schule. Im Gegensatz zu den oben
genannten Theorien ignoriert es den Kapitalismus nicht, sondern nimmt ihn
ernst. Der Ausgangspunkt von Denkern wie Wilhelm Reich, Erich Fromm, Theodor W.
Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse bei ihrer Analyse des deutschen
Nazifaschismus war die Frage, warum viele Arbeiter:innen
in der Krise des Kapitalismus nach dem Börsencrash von 1929 keinen Widerstand
gegen Hitler leisteten, sondern sich dem Faschismus zuwandten. Der Zusammenhang
zwischen Faschismus und Kapitalismus war der Kontext ihres Denkens und ihrer
Analysen.
Wilhelm Reich, dessen
Buch Die Massenpsychologie des Faschismus ein Vorläufer der Analyse des
Faschismus durch die Frankfurter Schule war, argumentierte, dass die
faschistische Ideologie den „ökonomischen Prozess
dieser [kapitalistischen] Gesellschaft [...] in den psychischen Strukturen der
Menschen dieser Gesellschaft“ zu verankern versucht (Reich 1933/2011, 39). Er
plädierte für einen interdisziplinären Ansatz
der Faschismusforschung, die Kritik der politischen Ökonomie,
Ideologiekritik und kritische Psychologie miteinander verbindet. Aufbauend auf
Reich und über ihn hinausgehend war der Ausgangspunkt der Frankfurter Schule
bei der Analyse des Faschismus der Begriff der autoritären Persönlichkeit, eine
Kategorie, die sie zur Verbindung von Psychologie, politischer Ökonomie und
Gesellschaftstheorie verwendeten. Von 1929 bis 1931 führte Erich Fromm eine Umfrage
unter deutschen Arbeitern durch, um herauszufinden, wie sie politisch dachten.
Er erhielt 584 Antworten. In seiner Studie, die später unter dem Titel Arbeiter und Angestellte am Vorabend des
Dritten Reiches: Eine sozialpsychologische Untersuchung (Fromm 1980/2019)
veröffentlicht wurde, unterschied Fromm zwischen der radikalen, der autoritären und der
kompromissorientierten Persönlichkeit. 1936 veröffentlichte die Frankfurter
Schule eine Studie über Autorität und Familie. Ziel war es, zu verstehen, wo
und wie der Faschismus entstanden war (Horkheimer 1936/1987b). Der Band
enthielt theoretische Grundlagen von Max Horkheimer, Erich Fromm und Herbert
Marcuse sowie empirische Forschung, Fallstudien und Literaturberichte
verschiedener Autor:innen. In seinem Kapitel über die
sozialpsychologischen Grundlagen der Autorität definierte Fromm die autoritäre
Persönlichkeit als Menschen, „deren Aggression sich
gegen den Wehrlosen und deren Sympathie sich auf den Mächtigen erstreckt“
(Fromm 1936/1987, 115). Im allgemeinen Teil der Studie definiert Max
Horkheimer (1936/1987a, 24) Autorität als „jene
inneren und äußeren Handlungsweisen, in denen sich die Menschen einer fremden
Instanz unterwerfen“. Die Mitglieder der Frankfurter Schule flohen vor Hitler in die USA. Dort
führte Adorno zusammen mit anderen eine empirische Studie über die autoritäre
Persönlichkeit durch (Adorno et al. 1950). Fromm schrieb ein Buch über die
autoritäre Persönlichkeit mit dem Titel Die Furcht vor der Freiheit
(Fromm 1941/1990). In seinem Buch Behemoth entwickelte Franz L. Neumann
(1944/2018) anhand einer Fallstudie über Nazideutschland eine Theorie des
Faschismus, die die Analyse der faschistischen Ideologie und der autoritären
Ideologie mit der politischen Ökonomie verband.
In ihrer Studie The Authoritarian Personality
versuchten Adorno et al. (1950), die autoritäre Persönlichkeit und die
Weltanschauung faschistischer Individuen zu messen. Zu diesem Zweck
entwickelten sie einen Fragebogen, die F-Skala (Faschismus-Skala). Es wurden
vier Versionen dieses Indikators erstellt, eine mit 78 Fragen, eine mit 60,
eine mit 45 und eine mit 40. Die Fragen wurden nach neun Dimensionen geordnet:
1. Konventionalismus, 2. autoritäre Unterwürfigkeit, 3. Autoritäre Aggression,
4. Anti-Intrazeption (Zurückweisung von
Subjektivität, Fantasie, usw.), 5. Aberglaube und Stereotypie, 6. Machtdenken
und „Kraftmeierei“, 7. Destruktivität und Zynismus, 8. Projektivität
(Projektion von Ängsten auf die Außenwelt), 9. Übertriebene Beschäftigung mit
Sexualität. Der F-Skala-Fragebogen ist ziemlich umfangreich und teilweise
redundant. Auf seiner Grundlage habe ich Kernthemen des Autoritarismus
identifiziert und ein Modell des Autoritarismus erarbeitet (erstmals
vorgestellt in Fuchs 2018b, 2018c). Der Hauptvorteil dieses Modells besteht
darin, dass es nicht auf eine einzige Organisationsebene beschränkt ist,
sondern von der Mikroebene (Individuum, Gruppe) über die Mesoebene (soziale
Bewegungen, Parteien, soziale Systeme, Institutionen) bis hin zur Makroebene
(Gesellschaft als Ganzes) reicht.
Ein Vorteil
des Begriffs „Autoritarismus“ für die Gesellschaftsanalyse ist seine
Skalierbarkeit. Autoritarismus und Faschismus sind nicht auf einer einzigen
Ebene organisiert, sondern auf ineinander geschachtelten Ebenen, wobei jede
Ebene die darunterliegende voraussetzt und über diese hinausgeht: das
Individuum, die Gruppe, soziale Bewegungen/Parteien, soziale
Systeme/Institutionen, die Gesellschaft. Mein Ansatz beschränkt den
Autoritarismus nicht auf autoritäre Individuen, autoritäre Führer, autoritäre
Parteien oder eine andere einzelne Ebene, sondern argumentiert, dass autoritäre
soziale Bewegungen und Parteien auf autoritären Individuen basieren, dass
autoritäre Institutionen autoritäre Bewegungen voraussetzen und dass eine
autoritäre Gesellschaft auf autoritären Institutionen beruht und über diese
hinausgeht. Es gibt emergente organisatorische Ebenen des Autoritarismus. Eine
Ebene kann, muss aber nicht zwangsläufig zu einer höheren Ebene führen, die die
niedrigere Ebene aufhebt.
Autoritarismus
entstand als Konzept zur Analyse einer bestimmten Form des Bewusstseins und der
Persönlichkeit, der autoritären Persönlichkeit, und wurde auf die Analyse
autoritärer Gruppen, Bewegungen, Organisationen, Institutionen und
Gesellschaften ausgeweitet. Das bedeutet, dass Autoritarismus ein mehrstufiges
Konzept ist, das von der Mikroebene der Gesellschaft über die Mesoebene bis hin
zur Makroebene reicht.
Obwohl wir heutzutage manchmal
hören, dass wir in einer Welt jenseits von links und rechts leben (Giddens
1994), argumentiert der Politikwissenschaftler Norberto Bobbio, dass eine
solche politische Unterscheidung nach wie vor von Bedeutung ist. Die Weltanschauungen
der Linken und Rechten gehen von unterschiedlichen Voraussetzungen aus: Auf der
politischen Linken gibt es „Menschen, die glauben, dass Menschen eher gleich
als ungleich sind“, während die politische Rechte aus „Menschen besteht, die
glauben, dass wir eher ungleich als gleich sind“ (Bobbio 1996, 67). Der „Egalitarist verurteilt soziale Ungleichheit im Namen der
natürlichen Gleichheit, und der Anti-Egalitarist
verurteilt soziale Gleichheit im Namen der natürlichen Ungleichheit“ (68-69).
Da Rechtsgerichtete davon ausgehen, dass Menschen grundsätzlich ungleich sind,
neigen sie dazu, Diskriminierung und Ungleichbehandlung zu befürworten, während
Linksgerichtete eher Gleichbehandlung befürworten und Diskriminierung ablehnen.
Diejenigen, die sich politisch
rechts positionieren, teilen die Annahme, dass Ungleichheit natürlich ist und
Menschen von (sozialer) Natur aus ungleich sind. Es gibt jedoch verschiedene
Ausprägungen der rechten Ideologie, die von Konservatismus auf der einen Seite
bis hin zu Faschismus auf der anderen Seite reichen. Der Rechtsextremismus ist
eine Form der rechten Ideologie, die zwischen Konservatismus und Faschismus
angesiedelt ist. Konservatismus kann als eine Form des rechten Autoritarismus
verstanden werden, der die Struktur der Demokratie akzeptiert, aber innerhalb
dieser Struktur gewisse autoritäre Prinzipien anwendet. Anstatt Terrorismus zu
befürworten, fördert er zum Beispiel eine Law-and-Order-Politik der
öffentlichen Ordnung. Der Rechtsextremismus ist keine Gesellschaftsform,
sondern eine Ideologie und politische Bewegung. Wir sprechen in der Regel nicht
von einer „rechtsextremen Gesellschaft”, sondern von „einem Rechtsextremisten”
und „einer rechtsextremen Bewegung/Gruppe/Partei”. Der Rechtsextremismus neigt
dazu, Gewalt gegen imaginäre Feinde zu rechtfertigen und zu unterstützen,
obwohl seine Aktionen oft auf Rhetorik, Symbolik, Stil und Ideologie beschränkt
bleiben. Der Faschismus hingegen wirkt auf mehreren Ebenen – im individuellen
Bewusstsein, in Gruppen, Organisationen, Institutionen und in der Gesellschaft.
Er organisiert und institutionalisiert Terror und Gewalt aktiv als politische
Instrumente und ist eine genozidale Form des rechten
Autoritarismus, die darauf abzielt, eine Gesellschaft zu schaffen, die auf der
systematischen Verfolgung und Vernichtung definierter Feinde basiert. Der
Faschismus verankert Führerkult, Nationalismus, das Freund/Feind-Schema und das
militante Patriarchat in der gesellschaftlichen Ordnung. Er entsteht als
Reaktion auf die Konflikte und Krisen von kapitalistischen Gesellschaften und
Klassengesellschaften. Faschist:innen organisieren
auf rationale Weisen die Ängste und Befürchtungen, die Menschen aufgrund von
Entfremdungsstrukturen haben. Sie versuchen, diejenigen zu mobilisieren, die
Angst vor sozialem Abstieg haben, mit dem Versprechen einer stärkeren
Gesellschaft, in der die nationale Gemeinschaft floriert, indem sie die Insider
begünstigt und die konstruierten Feinde ausrottet, denen die Schuld an
Gesellschaftsproblemen zugeschrieben wird. Dadurch, dass er diese konstruierten
Feinde zu Sündenböcken macht und die Aufmerksamkeit von den systemischen,
strukturellen Ursachen von Problemen ablenkt, spielt der Faschismus eine
ideologische Rolle in Klassengesellschaften. Er verschleiert die Verbindungen
zwischen Kapitalismus und gesellschaftlichen Problemen, indem er sie durch
Nationalismus und Feindkonstruktionen ersetzt. Liberale Theorien des Faschismus
minimieren oder übersehen oft die doppelte Beziehung zwischen Faschismus und
Kapitalismus – nämlich die ideologische Funktion des Faschismus innerhalb des
Kapitalismus sowie die latenten faschistischen Potenziale und Tendenzen des
Kapitalismus. Orthodoxe linke Ansätze reduzieren den Faschismus häufig
ausschließlich auf einen Ausdruck des Kapitalismus und spielen dabei die Rollen
von Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und
Vernichtungspolitik herunter.
Tabelle 1 bietet einen
vergleichenden Überblick über einige Konzepte, die zur Analyse rechtsextremer
Führer, Bewegungen und Gesellschaften eingesetzt wurden.
|
Begriff |
Ebene der Analyse |
Ist Gewalt zentral? |
Verhältnis zur Demokratie |
Dominante Kontrollformen |
Beispiele |
|
Autoritarismus |
Mikro → Makro (Persönlichkeit → Regime) |
Instrumentell |
Schränkt Pluralismus ein, akzeptiert
eingeschränkte Wahlen |
Führerprinzip, Hierarchien, Sündenbockpolitik,
Patriarchat |
Adorno et al. (1950); Fromm (1941/1969) |
|
Autokratie |
Makro (politisches Regime) |
Optional |
Beseitigt den Pluralismus; unterdrückt die
Opposition |
Einparteienherrschaft |
Croissant & Tomini
(2024) |
|
Faschismus |
Alle Ebenen; vollständige gesellschaftliche Form |
Konstitutiv / verherrlicht |
Antidemokratisch, terroristisch |
Gewalt, Terror, Nationalismus |
Paxton 2004; Neumann 1944/2018 |
|
Populismus |
Meso (Bewegung / Diskurs) |
Typischerweise rhetorisch |
Forderungen nach einer Demokratisierung der
Repräsentation |
Framing: „Das Volk gegen die Elite“, affektive
Kommunikation |
Laclau (2005); Bobba (2021); Gerbaudo
(2018; 2024) |
Tabelle 1: Einige
Kategorien, die in der wissenschaftlichen Literatur zur Charakterisierung der
extremen Rechten verwendet werden
Der
Vorteil des Begriffs „Autoritarismus“ gegenüber den anderen in Tabelle 1
genannten Konzepten (Autokratie, Faschismus, Populismus) besteht darin, dass er
von der Mikro- bis zur Makroebene skalierbar ist. Im nächsten Schritt meiner
Argumentation werde ich mein eigenes Modell des Autoritarismus vorstellen.
Jede soziale Gruppe,
jedes System und jede Gesellschaft funktioniert auf der Grundlage von vier
Schlüsselelementen: a) Organisationsprinzipien, b) eine gemeinsame Identität
und Praktiken, die Menschen miteinander verbinden und ihrem Leben einen Sinn
geben, c) Methoden zur Definition und Gestaltung der Verhältnisse zur Außenwelt
und d) Methoden zur Bewältigung und Lösung von Problemen.
Diese vier Merkmale
beschreiben die interne Organisation eines sozialen Systems (a und b) und
dessen Verhältnisse zu anderen sozialen Systemen und zur Gesellschaft (c, d).
Der von mir verwendete Ansatz ist keine Systemtheorie, sondern eine kritische
Gesellschaftstheorie, die ich an anderer Stelle erarbeitet habe (siehe
beispielsweise Fuchs 2020) und die auf der Dialektik menschlicher Praktiken und
sozialer/gesellschaftlicher Strukturen sowie der Dialektik zwischen Menschen
und sozialen Systemen basiert.
Auf allen Ebenen der
gesellschaftlichen Organisation (Mikro-, Meso-, Makroebene) betonen und fördern
Befürworter:innen des Autoritarismus die folgenden
Aspekte:
a)
hierarchische,
von oben nach unten gerichtete Autorität und das Führungsprinzip als Grundlage
von Organisationen;
b)
Nationalismus
als Grundlage der Identität – definiert durch den Glauben, dass eine biologisch
oder kulturell konstruierte Nation anderen überlegen ist,
c)
eine
Weltanschauung, die sich um eine strikte Freund/Feind-Unterscheidung herum
strukturiert und die Nation als in Konflikt mit konstruierten Bedrohungen wie
Einwanderern, Flüchtlingen, Sozialist:innen,
Liberalen, Marxist:innen oder religiösen Gruppen
stehend darstellt – eine Sichtweise, die sich oft in Rassismus,
Fremdenfeindlichkeit, Antisozialismus, Antiliberalismus und Antisemitismus
manifestiert,
d)
ein
militantes Patriarchat, das den Soldaten als Vorbildbürger verherrlicht,
patriarchalische Geschlechterrollen propagiert, Frauen in untergeordnete Rollen
verbannen möchte und Gewalt (durch Law & Order-Politik, Militarismus oder
Terror) als bevorzugtes Mittel zur Bewältigung von Konflikten und
gesellschaftlichen Problemen hochhält.
Zusammen
definieren diese vier Elemente die Kernmerkmale des rechten Autoritarismus.
Diese vier Dimensionen sind Aspekte, die den Kern der Konzepte der Frankfurter
Schule zum Autoritarismus bilden, wozu beispielsweise die autoritäre
Persönlichkeit, die autoritäre Gesellschaft und Adornos F-Skala zählen.
Abbildung 1 veranschaulicht ein Modell des rechten Autoritarismus.

Abbildung 1: Ein Modell
des Autoritarismus
Der
Autoritarismus zeichnet sich zwangsläufig durch Führerkult und
Top-down-Hierarchien aus, was bedeutet, dass er antidemokratisch ist. Weitere
Elemente sind der Nationalismus als Konstruktion einer fiktiven Ethnizität als
kollektive Identität, die von Klassenstrukturen ablenkt; die Schuldzuweisung an
bestimmte Gruppen, die für die Übel des Kapitalismus und der
Klassengesellschaft verantwortlich gemacht werden; und die Propagierung von
Repressionen gegen diese Gruppen. Das bedeutet, dass die vier Merkmale in
Abbildung 1 notwendige Merkmale des Autoritarismus sind.
In Abbildung 1
symbolisieren die schwarzen Pfeile oben zwischen Individuum, Gruppe,
Institutionen und Gesellschaft, dass es sich hierbei um emergente
organisatorische Ebenen des Autoritarismus handelt, wobei jede neue Ebene mit
der darunterliegenden Ebene interagiert. Die strichlierten Pfeile zeigen, dass
die vier Dimensionen des Autoritarismus nicht unabhängig voneinander sind,
sondern sich gegenseitig beeinflussen.
Der rechte Autoritarismus
reagiert auf Krisen in Politik und Wirtschaft mit Ideologien, die an die Psyche
und Gefühle derjenigen appellieren, die sich ausgeschlossen fühlen. Menschen,
die Unsicherheit und Unzufriedenheit erleben, haben oft ein zwiespältiges
Verhältnis zu Liebe und Hass. Sie suchen nach einem neuen Identitätsgefühl und
Hoffnung, wollen aber gleichzeitig auch Ventile für ihre Wut und Aggressionen
finden. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Trump institutionalisieren
diese Angst durch TruthSocial, X/Twitter und andere
Formen der Massenkommunikation, indem sie den Menschen die Möglichkeit bieten,
sich mit der Nation und deren Führer zu identifizieren und gleichzeitig ihre
Feindseligkeit auf Sündenböcke zu richten. Der rechte Autoritarismus operiert
mit psychischen Triebe – negative Ängste, Wünsche, Emotionen, Instinkte und
Affekte. Er stützt sich selten auf rationale Debatten, sondern bedient sich
stattdessen einer postfaktischen politischen Psychologie und Ideologie. Der
rechte Autoritarismus ist jedoch nicht irrational. Er ist eine rationale Form
der Irrationalität. Autoritäre Führer, Bewegungen und Parteien
instrumentalisieren und organisieren menschliche Ängste und Befürchtungen
rational und schüren Hass gegen Sündenböcke. Sie organisieren die Ängste von
Gruppen, dass sie „in ihrem Prestige, ihrem Einkommen oder in ihrer Existenz
bedroht“ sind (Neumann 1978, 447). Franz L. Neumann (1978, 451-452)
argumentiert in diesem Zusammenhang, dass faschistische Bewegungen „die Angst
institutionalisieren“ und dazu drei Methoden verwenden – „der Terror, die
Propaganda und, für die Anhänger des Führers, das gemeinsam begangene
Verbrechen“. Neumann sieht einen Zusammenhang zwischen Angst und faschistischer
Politik. Faschist:innen streben die Schaffung dessen
an, was Neumann als Verfolgungsangst bezeichnet, die Verfolgung von
Sündenböcken.
Eva von Redecker
analysiert den Faschismus anhand des Konzepts des Phantombesitzes. Laut
Redecker (2020) ist Phantombesitz die „unrealistische Fantasie, dass
vollständige Souveränität über lebende, handelnde, selbstbewusste Wesen
erreicht werden könnte” und die „Akkumulation von Ansprüchen” gegenüber
„unterdrückten Anderen” (35). Der „Phantombesitz bietet auf einer symbolischen
Ebene soziale Sicherheit“ (53). Redecker argumentiert, dass die beiden
Hauptformen von Phantombesitz und fiktivem Eigentum Rasse und Geschlecht sind,
insbesondere in Form des Weißseins und der Männlichkeit, die ihre Wurzeln in
der Sklaverei und im Patriarchat haben (49). In rassistischen Verhältnissen
kontrollieren weiße Menschen „den Aufenthaltsort und die Menschlichkeit
schwarzer Menschen“ (52), während im Patriarchat Männer über die
Reproduktionsfähigkeit von Frauen verfügen können, einschließlich des
weiblichen Körpers, der Hausarbeit und der Sorgearbeit (46).
Redecker (2020)
argumentiert, dass der Aufstieg des Neo-Autoritarismus und Neofaschismus als
gewaltsame Verteidigung des Phantombesitzes durch den „Angriff des finanzialisierten Kapitalismus auf alle Formen materieller
sozialer Absicherung“ bedingt ist und eine „Reaktion auf – eine Eifersucht
gegenüber – progressiver Identitätspolitik“ darstellt (55). In diesem
Zusammenhang werden bestimmte Gruppen als „Verursacher des Verlusts“ und
„Diebe“ von Phantombesitz dargestellt (57).
Redecker (2026) schreibt,
dass Faschismus mit „Verteidigung von Phantombesitz“ (20) sowie mit
„Selbstverteidigung gegen Plünderer“ (17) zu tun hat. „Faschismus ist
liquidierende Phantombesitzverteidigung“ (20). Die Feinde sind „diejenigen, die
ein Quasi-Eigentum angreifen und die deshalb liquidiert gehören“ (17). Der
Phantombesitz ist vom „eigentlichen, materiellen Eigentum […] entkoppelt“ (17).
Beispiele, die Redecker nennt, sind Nation, Familie, Verbrennermotoren,
der Heizungskeller, Kinder, die deutsche Sprache oder die Meinungsfreiheit
(17).
Redecker präsentiert ein
wichtiges materialistisches Argument, indem sie darauf hinweist, dass der
Kapitalismus versucht, die Logik des Privateigentums so auszuweiten, dass viele
Phänomene als Privateigentum gelten oder erscheinen, das individuell kontrolliert,
veräußert oder zerstört werden kann. Sie argumentiert, dass der Autoritarismus
Verlustängste manipuliert und schürt. Bei der Analyse des ideologischen
Kontexts von Faschismus und Autoritarismus legt sie jedoch mehr Gewicht auf
Rassismus und Patriarchat als auf die Wirtschaft. Im Kapitalismus sind Geld,
Kapital und Waren von grundlegender Bedeutung. Viele Verlustängste in
kapitalistischen Gesellschaften beziehen sich auf wirtschaftliche Strukturen,
insbesondere auf die Angst vor dem Verlust von finanziellem Wohlstand,
einschließlich Löhnen, Ersparnissen, Arbeitsplatzsicherheit, Lebensstandard,
bezahlbarem Wohnraum, erschwinglichen Lebensmitteln und dem Zugang zu
kostenlosen öffentlichen Dienstleistungen. Beispielsweise geben in der Umfrage
„Living and Working in the EU 2025” 59 Prozent der Befragten mit niedrigem
Einkommen an, dass sie es sich nicht leisten können, ihre Wohnungen zu kühlen,
72 Prozent können sich keinen Urlaub leisten, 68 Prozent keine
Freizeitaktivitäten und 80 Prozent keine neuen Möbel. Die anhaltende
Lebenshaltungskostenkrise und eine hohe Inflation sind wichtige wirtschaftliche
Themen, die Ängste vor Verlusten hervorrufen. Redecker unterschätzt die
Bedeutung dieser wirtschaftlichen Faktoren. Patriarchat und Rassismus haben
immer wirtschaftliche Aspekte, etwa die geschlechtsspezifische Hausarbeit und
rassistische Arbeit, können jedoch nicht auf die Wirtschaft reduziert oder von
ihr abgeleitet werden. Nicht nur Phantombesitz, sondern auch in erheblichem
Maße wirtschaftliche Eigentums- und Warenstrukturen prägen den Faschismus und
den Autoritarismus.
Autoritäre und
faschistische Kräfte nutzen die Ängste der Menschen ideologisch aus, indem sie
Sündenböcke schaffen, denen sie den tatsächlichen oder vermeintlichen Verlust
von Eigentum und Besitztümern, einschließlich Reichtum/Geld, Status/Macht und
Identität/Ansehen, anlasten. Im Kapitalismus werden diese Ressourcen
akkumuliert, was zur Bildung und Reproduktion sozialer Klassen führt.
Infolgedessen sind Verlustängste Ängste vor dem Verlust der eigenen Position
innerhalb bestehender Strukturen. Der ideologische Aspekt des
Freund/Feind-Schemas beinhaltet entweder die Erfindung gesellschaftlicher
Probleme (ein Problem wird imaginiert, herbeigeredet oder übertrieben
dargestellt) oder die Erfindung von Ursachen für gesellschaftliche Probleme
(eine bestimmte Gruppe wird für bestimmte tatsächlich vorhandene
gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht). Das phantomhafte oder
imaginäre Element des Besitzes im Freund/Feind-Schema besteht darin, dass Ideolog:innen versuchen, die Angst vor Verlust zu schüren,
indem sie Probleme oder deren Ursachen erfinden.
Marx (1867, 86)
argumentiert, dass gesellschaftliche Verhältnisse im Fetischcharakter der Ware
„die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen“ annehmen. Für
Lukács führt der Warenfetischismus zur Verdinglichung – der Präsentation von
Menschen und Gesellschaft als Dingen, sodass „eine Beziehung zwischen Menschen
den Charakter eines Dings annimmt und dadurch eine ‚Phantomobjektivität‘
erhält“ (Lukács 1923/1972, 83). Autoritäre und faschistische Ideologien
funktionieren fetischistisch, indem sie die tatsächlichen gesellschaftlichen
Verhältnisse und Realitäten durch die Schaffung von Sündenböcken –
Phantomursachen und illusorischen Problemen – verschleiern. Sie verdinglichen
Gruppen als Sündenböcke und versuchen, ihnen ihre Menschlichkeit abzusprechen,
indem sie sie als wertlose Wesen darstellen, die Verachtung, Marginalisierung
und Vernichtung verdienen. Zu diesen Sündenböcken können verschiedene Gruppen
gehören, insbesondere, aber nicht ausschließlich, rassifizierte
Bevölkerungsgruppen und Frauen sowie Arme, Arbeitslose, Intellektuelle, Juden, Sozialist:innen, Arbeiter:innen
und verschiedene soziale Klassen.
Entfremdung bedeutet für
Marx (1844, 522) den „Verlust des Gegenstandes an eine fremde Macht“. Im
Kapitalismus beschränkt sich Entfremdung nicht nur auf die Wirtschaft, sondern
ist, wie David Harvey (2018) betont, universelle Entfremdung: Der Kapitalismus
zielt darauf ab, Entfremdung universell zu machen, sodass man sagen kann, Armut
und Reichtum „bedingen sich wechselseitig“ (Marx 1857/1858, 218), was nicht nur
monetäre Armut und monetären Reichtum umfasst, sondern auch Reichtum und Armut
in Bezug auf Macht, Status, Ansehen und Identität. Faschismus und
Autoritarismus nutzen die Angst vor Entfremdung aus und schüren sie, wobei es
sich stets um die Angst der Subjekte vor dem Verlust von Objekten handelt.
Die Entfremdung spielt im
Kontext von Autoritarismus und Faschismus eine doppelte Rolle. Krisen des
Kapitalismus und der Gesellschaft vertiefen verschiedene Formen der
Entfremdung, darunter die objektive Entfremdung des Menschen von der Natur, der
Wirtschaft, dem politischen System, der Kultur und der Gesellschaft als Ganzes.
Im Freund-Feind-Schema versuchen Ideologen, Ängste vor Entfremdung,
insbesondere deren subjektiven Aspekt, das Gefühl der Entfremdung, zu wecken
und zu mobilisieren. Franz Neumann (1978, 424-459; 1957/2017) argumentiert in
diesem Zusammenhang, dass der Autoritarismus versucht, Entfremdung mit Angst zu
verknüpfen.
Marx (1844, 516-517)
argumentiert, dass Entfremdung die Entfremdung des Menschen a) von der Natur,
b) von seiner Lebenstätigkeit, d. h. der Produktion und ihren Produkten, c) von
sich selbst (Körper und Geist) und d) von anderen Menschen betrifft. Krisen
haben entfremdende Eigenschaften, weil sie a) als ökologische Krisen den
Stoffwechsel zwischen Gesellschaft und Natur stören und das Leben auf der Erde
erschweren oder unmöglich machen; b) als wirtschaftliche und politische Krisen
den Menschen die Kontrolle über die Früchte seiner Arbeit und die politische
Macht, etwas in der Gesellschaft zu bewegen, entziehen können; c) als
kulturelle Krisen und Identitätskrisen die Reproduktion und Integrität des
menschlichen Geistes und Körpers zerstören können, indem sie den Menschen
Anerkennung, Gesundheit und echtes Wissen vorenthalten; und d) als politische
und soziale Krisen die Macht und den Status in Frage stellen können, die
notwendig sind, um etwas in der Gesellschaft zu bewegen. Ökologische Krisen
führen zum Verlust der natürlichen Lebensgrundlage, Wirtschaftskrisen zum
Verlust von Wohlstand, kulturelle Krisen zum Verlust von Anerkennung und
Integrität und politische Krisen zum Verlust von Macht. In autoritären und
faschistischen Systemen dienen natürliche, wirtschaftliche, politische und
kulturelle Ressourcen sowohl als a) Faktoren in realen Krisen, die die
Entfremdung verstärken und die Wahrscheinlichkeit von Faschismus und
Autoritarismus erhöhen, als auch b) als Ängste vor Entfremdung, die von
Ideologen geschürt werden. Es gibt sowohl die reale als auch die fiktive
Subsumption der Entfremdung unter den Faschismus.
Der
Faschismus manifestiert sich auf verschiedenen Ebenen des gesellschaftlichen
Lebens – dem Individuum, der Gruppe, den Institutionen und der Gesellschaft.
Faschismus auf einer Ebene führt nicht zwangsläufig zu Faschismus auf der
nächsten, aber höhere Ebenen setzen die Existenz von Faschismus auf niedrigeren
Ebenen voraus. So hängt beispielsweise eine faschistische Gesellschaft von
faschistischen Individuen, Gruppen und Institutionen ab, aber das Ganze ist
mehr als die Summe seiner Teile.
Welche Rolle spielt die
Gewalt? Was ist Gewalt? „Gewalt ist die beabsichtigte, unbeabsichtigte oder
angedrohte körperliche Schädigung eines Menschen“ (Fuchs 2025, 14). „Gewalt ist
eine Form der Macht, die eingesetzt wird, um andere zu beherrschen, Angst zu
erzeugen und ihr Verhalten zu beeinflussen. Sie wird von Einzelpersonen,
Gruppen und Staaten eingesetzt und reguliert. Sie wird von Mitgliedern
dominanter Gruppen gegen Mitglieder schwächerer sozialer Gruppen sowie als
Reaktion eingesetzt“ (Walby 2009, 198). Das zentrale Merkmal des Faschismus
ist, dass er Gewalt als wichtigstes politisches Mittel und Organisationsprinzip
der Gesellschaft bevorzugt, propagiert, einsetzt und institutionalisiert.
Gewalt existiert in vielen Gesellschaften, einschließlich demokratischer
Gesellschaften, in denen der Staat ein Monopol auf Gewalt ausübt, die unter
demokratisch festgelegten Bedingungen angewendet wird. Der Hauptunterschied
zwischen Demokratien und Faschismus besteht darin, dass im ersten Systemtyp
politische Debatten und kollektive Entscheidungsfindung in Form demokratischer
Institutionen, denen Gruppen mit unterschiedlichen Ansichten angehören, Vorrang
vor Gewalt haben, während der Faschismus demokratische Debatten, Kritik und
politische Opposition einschränkt oder ganz abschafft und demokratische
Institutionen durch die Institutionalisierung von Terror als wichtigstes
politisches Prinzip ersetzt. Im Faschismus, kommt die Macht „aus den
Gewehrläufen“ (Arendt 1970, 15), während sie in der Demokratie als
„Produktivkraft kommunikativer Freiheit” entfesselt wird (Habermas 1992, 188).
Demokrat:innen versuchen, politische Streitigkeiten durch
Debatten als Form der politischen Kommunikation in der Öffentlichkeit, durch
Wahlen, Kampagnen, friedliche Proteste, Verhandlungen, Streiks und andere
gewaltfreie Mittel der politischen Interaktion beizulegen. Daher ist der
Faschismus als Institutionalisierung von Gewalt in der Form von Terror gegen
politische Gegner und andere Sündenböcke und als Krieg als Mittel der
imperialistischen Expansion von Natur aus antidemokratisch. „Der Faschismus,
der die extremste rechte politische und wirtschaftliche Struktur und Ideologie
darstellt, ist auch die virulenteste antidemokratische Form des
Ethnozentrismus. […] Die politökonomische Ideologie der Faschisten ist durchweg
reaktionär […], da sie offen antidemokratisch ist. Die Faschisten zeigen eine
ausdrückliche Bereitschaft, Gewalt gegen die Arbeiterklasse anzuwenden,
gegenüber der sie eine intensive Statusangst offenbaren. Sie zeigen auch
Verachtung für Ideale der Gleichheit” (Adorno et al. 1950, 151, 840).
Auf der Grundlage dieser
konzeptionellen Grundlagen verstehe ich Faschismus wie folgt:
„Wir können
Faschismus als antidemokratische, antisozialistische und terroristische
Ideologie, Praxis und Organisationsform von Gruppen, Institutionen und
Gesellschaften definieren, die in der Kombination von a) dem Führungsprinzip,
b) Nationalismus, c) dem Freund/Feind-Schema und d) dem militanten Patriarchat
(Idealisierung des Soldaten, Praxis des Patriarchats, Unterordnung der Frauen,
Krieg, Gewalt und Terror als politische Mittel) sowie dem Einsatz von Terror
gegen konstruierte Feinde besteht. Er zielt darauf ab, eine faschistische
Gesellschaft zu errichten, die auf dem Einsatz von Terror und der
Institutionalisierung der vier faschistischen Prinzipien in der Gesellschaft
basiert, versucht, Personen zu mobilisieren, die den Verlust von Eigentum,
Status, Macht und Ansehen angesichts der Antagonismen des Kapitalismus fürchten
als seine Anhänger zu mobilisieren, und spielt eine ideologische Rolle in
kapitalistischen Gesellschaften und Klassengesellschaften, indem Sündenböcke
für die Übel der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden und die Probleme
der Gesellschaft als ein Antagonismus zwischen der Nation, Fremden und Feinden
der Nation darstellt, so dass der Faschismus die Aufmerksamkeit von den
systemischen Rollen der Klasse und des Kapitalismus bei Gesellschaftsproblemen
und vom Klassenwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit ablenkt. Der Faschismus
propagiert oft einen eindimensionalen, einseitigen und personalisierenden
‚Antikapitalismus‘, der die Nation als politischen Fetisch und als Antagonismus
zwischen der Einheit von Kapital und Arbeit einer Nation auf der einen Seite
und einer bestimmten Form von Kapital oder Wirtschaft oder Produktion oder
Gemeinschaft auf der anderen Seite konstruiert, die als zerstörerisch für das
wirtschaftliche, politische und kulturelle Überleben der Nation dargestellt
wird“ (Fuchs 2022, 316).
In
dieser Definition spiegelt sich der mehrstufige organisatorische Charakter des
Faschismus in der Formulierung wider, wonach es sich um eine „Ideologie, Praxis
und Organisationsform“ handelt. Dabei ist zu beachten, dass der politische
Fetischismus in dieser Definition auf Marx‘ Begriff des Warenfetischismus
basiert, aber darüber hinausgeht. Für Marx hat der Fetischismus mit einer
ideologischen Ästhetik der Waren zu tun, die das Soziale und das
Gesellschaftliche hinter dem Dingcharakter von Geld und Waren verbirgt. Im
politischen Fetischismus werden politische Kategorien wie die Nation
verdinglicht und naturalisiert; sie nehmen den Charakter von Dingen an, die die
Rolle der Klassenverhältnisse in der Gesellschaft verschleiern. Laut Daniel
Woodley bedeutet der politische Fetischcharakter des Faschismus, dass er „durch
eine Mythologie der Einheit und Identität versucht, ein ‚gemeinsames
instinktives Schicksal‘ (einen einheitlichen gesellschaftlichen Status)
zwischen bürgerlichen und proletarisierten Gruppen zu projizieren und dabei die
Realität der sozialen Unterschiede in differenzierten Klassengesellschaften
ausblendet“ (Woodley 2010, 17).
Die drei wesentlichen
Subsysteme der Gesellschaft sind Wirtschaft, Politik und Kultur (Fuchs 2020,
Kapitel 3). Das bedeutet, dass eine faschistische Gesellschaft eine
faschistische Wirtschaft, ein faschistisches politisches System und eine
faschistische Kultur umfasst. Über die Wirtschaft organisieren Menschen ihr
Verhältnis zur Natur. In all diesen Bereichen nutzen Menschen Technologien zur
Organisation der Gesellschaft, sodass Technologie kein System ist, sondern ein
Mittel, das quer durch die gesamte Gesellschaft eingesetzt wird. In der
Wirtschaft produzieren die Menschen Gebrauchswerte, die menschliche Bedürfnisse
befriedigen. Im politischen System treffen Menschen kollektiv verbindliche
Entscheidungen (Entscheidungen, die für alle gelten), die in der Form von
Regeln oder Gesetzen umgesetzt werden. Dies betrifft nicht nur das formale
politische System (Parlamente, Staat, Regierung), sondern auch die
Öffentlichkeit, wozu soziale Bewegungen, Bürger:innen,
politische Debatten, Nachrichtenmedien usw. gehören. In der Kultur üben
Menschen Praktiken aus, durch die sie Geist und Körper reproduzieren. In
faschistischen Gesellschaften nehmen die Subsysteme der Gesellschaft eine
besondere Form an, nämlich den diktatorischen Kapitalismus, den Terrorstaat und
die Propagandakultur (siehe Tabelle 2).
|
Gesellschaftsbereich |
Faschistische
Gesellschaft |
|
Wirtschaft |
Der diktatorische
Kapitalismus: Faschistische
Gesellschaften sind Klassengesellschaften, in denen Klassen oft geleugnet
werden, indem betont wird, dass die Nation und der Nationalismus alle Bürger:innen vereinen und Spaltungen überwinden, während
reale Klassenunterschiede bestehen bleiben. Die kapitalistische Wirtschaft
wird in der Regel von großen privaten Monopolunternehmen oder einer
Kombination aus privaten kapitalistischen Monopolen und staatskapitalistischen
Monopolen dominiert. Sündenböcke und
konstruierte Feinde werden oft durch Arbeit (Zwangsarbeit, Versklavung,
Arbeitslager, Tod durch Arbeit) oder auf andere Weise unterdrückt oder
getötet. |
|
Politik |
Der Terrorstaat: |
|
Kultur |
Die Propagandakultur: |
Tabelle 2: Die drei
Bereiche faschistischer Gesellschaften
Nachdem
wir uns mit einigen Grundlagen der Analyse des Faschismus befasst haben, werden
wir uns als Nächstes mit der Frage beschäftigen, was die Kernmerkmale des
Digitalen sind.
Die
Verflechtung militärischer und wirtschaftlicher Interessen hat technologische
Innovationen in erheblichem Maße vorangetrieben. Während des Zweiten Weltkriegs
wurden die ersten echten Computer gebaut und als Maschinen zur Ver- und
Entschlüsselung von Nachrichten eingesetzt (Williams 1997). Colossus war ein
Computersystem, das von 1943 bis 1944 in Großbritannien gebaut wurde und von
der britischen Armee zum Knacken der Lorenz-Chiffre der deutschen Armee
verwendet wurde, die zur Verschlüsselung der militärischen Kommunikation
diente. Bombe wurde von 1939 bis 1940 von Alan Turing konstruiert und war eine
elektromechanische Maschine zur Decodierung der Enigma-Chiffren der Nazis. Der
Rechner hatte keinen Speicher und führte keine Allzweckprogramme aus. Es gab
ein Entschlüsselungsprogramm, das fest in die Maschine eingebaut war und nicht
geändert werden konnte, sodass es sich nicht um eine softwaregesteuerte
Maschine handelte. Deshalb kann man Bombe nicht als Computer, sondern als
Entschlüsselungsmaschine betrachten. Die Ursprünge des Internets als ARPANET
sind eng mit dem Interesse der USA an der Schaffung sicherer
Kommunikationsnetze im Kontext des Kalten Krieges verbunden. Ein aktuelles
Beispiel dafür, wie die Verflechtung von Militär und Wirtschaft die
technologische Entwicklung vorantreibt, ist die Entwicklung von militärischen
Drohnen im Kontext des Ukraine-Krieges und des neuen Kalten Krieges. Diese
Beispiele zeigen, dass digitale Maschinen nicht nur in rein wirtschaftlichen
Kontexten entstehen, sondern auch im Kontext von Kriegsführung, Militär und der
Verbindung von Krieg und Wirtschaft.
Digitale Medien haben
zwei wesentliche Merkmale: 1) Konvergenz und 2) Prosumtion
(produktive Konsumtion). Bei elektronischen Massenmedien wie Radio und
Fernsehen gab es unterschiedliche Technologien für Produktion, Vertrieb und
Konsum. Der Computer ist eine Konvergenztechnologie, da digitale Hardware die
Konvergenz unterschiedlicher Technologien in einer digitalen Technologie
ermöglicht, genauso wie verschiedene Arten von Inhalten in digitalen Inhalten
kombiniert werden. Das bedeutet, dass der Computer eine Konvergenzmaschine ist.
Ressourcen werden produziert, verbreitet und konsumiert. Digitale Konvergenz im
Zusammenhang mit der Produktion bedeutet, dass die Produktion potenziell mit
dem Konsum von Informationen (Prosumtion)
verschmilzt, sodass die Konsument:innen von
Informationen, die Zugang zu digitalen Produktionsmitteln haben, in die Lage
versetzt werden, Informationen zu produzieren.
Marx wies auf die
Dialektik von Produktion und Konsum hin und verwendete den Begriff des
produktiven Konsums. „Die Produktion als unmittelbar identisch mit der
Konsumtion, die Konsumtion als unmittelbar zusammenfallend mit der Produktion, nennen
sie produktive Konsumtion“ (Marx 1857/1858, 25). Er argumentiert, dass die
Produktion Produktionsmittel konsumiert und dass der Konsum zu neuer Produktion
führt. Marx sah Produktion und Konsum als dialektische Pole der Wirtschaft.
Zwar gibt es immer eine Dialektik von Produktion und Konsum, doch im
Kapitalismus des 20. Jahrhunderts haben wir eine neue Stufe dieser Dialektik
erlebt, nämlich die Konvergenz von Produktion und Konsum zur Prosumtion (Ritzer 2015).
Die Medienprosumtion
wurde bereits vor dem Aufkommen des Computers in den 1920er Jahren von Bertolt
Brecht in seiner Radiotheorie vorweggenommen: „Der Rundfunk wäre der denkbar
großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures
Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur
auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören,
sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in
Beziehung zu setzen. Der Punkt ist, dass Brecht im Konjunktiv spricht („wäre“).
Er stellt sich ein zukünftiges Radiosystem vor, das mit der Erfindung des
Internets tatsächlich Realität wurde. Brecht und Enzensberger, der auf Brechts
Analyse aufbaute, waren der Meinung, dass Prosumtionstechnologien
zwangsläufig demokratisch und sozialistisch seien, weshalb Enzensberger (1970)
zwischen faschistischen und kapitalistischen Massenmedien als repressiver
Mediennutzung und Prosumtionstechnologien als
emanzipatorischer Mediennutzung unterschied. „[E]ine
jede sozialistische Strategie der Medien [muss] die Isolation der einzelnen
Teilnehmer am gesellschaftlichen Lern- und Produktionsprozess aufzuheben
trachten“ (Enzensberger 1970, 169). Enzensberger war der Ansicht, dass
Medientechnologien, die „dezentralisierten Programme“ haben, die Möglichkeit
unterstützen, dass jeder „Empfänger ein potentieller Sender ist“ und die
„Interaktion der Teilnehmer“ ermöglichen (Enzensberger 1970, 173), zwangsläufig
demokratisch-sozialistisch seien. Das Internet verfügt über all diese
Medienmerkmale, ist jedoch nicht vollständig demokratisch, sondern zeichnet
sich sowohl durch demokratische als auch durch faschistische Kommunikation aus,
was zeigt, dass Prosumtion nicht unbedingt
sozialistisch und demokratisch ist, sondern auch für faschistische Zwecke
genutzt werden kann. Kommunikationstechnologien sind nicht, wie Enzensberger
fälschlicherweise annimmt, von Natur aus sozialistisch, kapitalistisch,
demokratisch, faschistisch usw. Gesellschaftliche Produktionsweisen prägen
Kommunikationstechnologien und werden von ihnen geprägt. Das bedeutet nicht,
dass die Kommunikationsmittel neutral sind, sondern dass sie nicht in einem
Vakuum existieren. Kommunikationsmittel werden durch die Antagonismen der
Gesellschaft geprägt und nehmen in einer antagonistischen Gesellschaft
wahrscheinlich unterschiedliche, antagonistische Designs, Verwendungszwecke,
Formen usw. an. Das bedeutet, dass es faschistische Formen und Arten der Konvergenz
und Prosumtion gibt.
Konvergenz
hat a) technologische und b) soziale Aspekte, die c) miteinander interagieren.
Zu den traditionellen Medien gehören beispielsweise Fotografie, gedruckte
Texte, Telekommunikation, Radio und audiovisuelle Medien (Kino, Fernsehen). a) „Medien
und Computer […] verschmelzen zu einer Einheit. Alle vorhandenen Medien werden
in numerische Daten übersetzt, die für Computer zugänglich sind. Das Ergebnis:
Grafiken, bewegte Bilder, Töne, Formen, Räume und Texte werden berechenbar, d.
h. sie werden zu einer weiteren Reihe von Computerdaten” (Manovich
2002, 48). b) In vernetzten digitalen Medienräumen wie dem Internet
verschwimmen die Grenzen zwischen verschiedenen sozialen Praktiken, sozialen
Rollen, sozialen Systemen und unterschiedlichen Öffentlichkeiten, sodass
Menschen auf Internetplattformen mithilfe einzelner Profile in einer Vielzahl
von Rollen, mit einer Vielzahl von Praktiken und in einer Vielzahl
unterschiedlicher Öffentlichkeiten agieren können. c) Der vernetzte Computer
ist eine Konvergenztechnologie und universelle Maschine, die die Verflüssigung
der Grenzen zwischen traditionellen Kommunikationsmitteln, verschiedenen Formen
von Medieninhalten, Produktion und Konsum, Öffentlichkeit und Privatsphäre,
Arbeitszeit und Freizeit, Arbeit und Spiel, Subjekt und Objekt, freien Gütern
und Waren usw. vermittelt.
Ithiel de Sola Pool war ein Kommunikationstheoretiker, der zur
Einführung des Begriffs der Medienkonvergenz beitrug. Er argumentiert, dass die
Digitalisierung zu einer Konvergenz der traditionellen Medien führt: „Der
entscheidende technologische Wandel, der den sozialen Veränderungen zugrunde
liegt, besteht darin, dass die Kommunikation, abgesehen von persönlichen
Gesprächen, zunehmend elektronisch erfolgt. Nicht nur wächst die elektronische
Kommunikation schneller als die traditionellen Medien des Verlagswesens, sondern
die Konvergenz der Verbreitungswege führt auch dazu, dass Zeitungen,
Zeitschriften und Bücher in die elektronische Welt Einzug halten” (Pool 1983,
6). „Ein Prozess namens ‚Konvergenz der Medien‘ verwischt die Grenzen zwischen
den Medien, sogar zwischen Punkt-zu-Punkt-Kommunikation wie Post, Telefon und
Telegraf und Massenkommunikation wie Presse, Radio und Fernsehen. Ein einziges
physisches Medium – seien es Drähte, Kabel oder Funkwellen – kann Dienste
übertragen, die in der Vergangenheit auf unterschiedliche Weise bereitgestellt
wurden. […] Die technologiegetriebene Konvergenz der Medien wird durch den
wirtschaftlichen Prozess der Kreuzbeteiligung verstärkt” (Pool 1983, 23).
Im
klassischen Kapitalismus des 19. und 20. Jahrhunderts waren Arbeit und Freizeit
voneinander getrennt, und Medien sowie Technologien standen entweder im
Arbeitskontext (z. B. Automatisierungstechnologien) oder im Freizeitkontext (z.
B. Unterhaltungsmedien). In vernetzten digitalen Medienräumen wie dem Internet
werden Informationskonsumenten zu potenziellen Informationsproduzenten, zu
sogenannten Prosumenten (produktiven Konsumenten). Der vernetzte Computer
(digitale Medien) ist nicht nur ein Medium der Information und Kommunikation,
sondern auch ein Arbeitsmittel, ein Mittel der Kooperation und ein
Produktionsmittel. Digitale Medien sind Mittel der Information/Kognition,
Kommunikation und Koproduktion. Kognition wird hier als menschliche
Gehirnaktivität verstanden, daher behaupte ich nicht, dass Computer und
künstliche Intelligenz eine erweiterte Form der Kognition sind. Vielmehr ist
Kognition ein menschlicher Prozess, der auf Maschinen nicht ablaufen kann.
Digitale Maschinen simulieren lediglich Kognition, werden aber niemals in der
Lage sein, zu denken und zu fühlen. „Die Benutzeroberfläche spielt in der
Informationsgesellschaft noch auf eine andere Weise eine entscheidende Rolle.
In dieser Gesellschaft werden nicht nur Arbeit und Freizeitaktivitäten
zunehmend durch den Einsatz von Computern geprägt, sondern sie laufen auch über
dieselben Benutzeroberflächen zusammen. Sowohl ‚Arbeits‘-Anwendungen
(Textverarbeitungsprogramme, Tabellenkalkulationsprogramme, Datenbankprogramme)
als auch ‚Freizeit‘-Anwendungen (Computerspiele, Informations-DVDs) nutzen
dieselben Werkzeuge und Metaphern der grafischen Benutzeroberfläche (GUI). Das
beste Beispiel für diese Konvergenz ist ein Webbrowser, der sowohl im Büro als
auch zu Hause, sowohl für die Arbeit als auch zur Unterhaltung genutzt wird.
[…] Ein Subjekt der Informationsgesellschaft ist an einem typischen Tag mit
noch mehr Aktivitäten beschäftigt: Eingabe und Analyse von Daten, Durchführen
von Simulationen, Suchen im Internet, Spielen von Computerspielen, Ansehen von
Streaming-Videos, Musik online anhören, Aktienhandel und so weiter. Doch bei
all diesen unterschiedlichen Aktivitäten nutzt der Nutzer im Grunde immer
dieselben wenigen Werkzeuge und Befehle: einen Computerbildschirm und eine
Maus; einen Webbrowser; eine Suchmaschine; Befehle zum Ausschneiden, Einfügen,
Kopieren, Löschen und Suchen” (Manovich 2002, 77).
Selbstbedienungstankstellen,
Fast-Food-Restaurants, in denen die Kunden ihre eigenen Kellner sind,
Selbstbedienungskassen in Supermärkten und Selbstabfertigungsautomaten an
Flughäfen sind Beispiele für Prosumenten-Aktivitäten, also Tätigkeiten, bei
denen Konsument:innen als Produzent:innen
agieren. Der Futurist Alvin Toffler sah in der von ihm so bezeichneten dritten
Welle eine Entwicklungsstufe der Gesellschaft, die auf Wissensarbeit und
Computertechnologie basiert und auf die erste Welle der Landwirtschaft sowie
die zweite Welle der Fertigungsindustrie folgt. Kurz gesagt argumentiert er,
dass die dritte Welle den Aufstieg der postindustriellen
Informationsgesellschaft bedeutet. Als Teil dieses Wandels sieht er den
Aufstieg des Prosumenten, die „Verschmelzung von Produzent und Konsument“ (Toffler 1980, 337). „Der Aufstieg des Prosumenten,
angetrieben durch die steigenden Kosten vieler kostenpflichtiger
Dienstleistungen, durch den Zusammenbruch der Dienstleistungsbürokratien der
zweiten Welle, durch die Verfügbarkeit von Technologien der dritten Welle,
durch die Probleme der strukturellen Arbeitslosigkeit und durch viele andere
zusammenwirkende Faktoren, führt zu neuen Arbeitsformen und Lebensgestaltungen“
(262).
Mit „Technologien der
dritten Welle“ meint Toffler insbesondere
Computertechnologien. Die Veränderungen im Kapitalismus haben zusammen mit dem
Aufkommen der Computertechnologie die Entwicklung der Prosumtion
vorangetrieben. Wenn wir heute werbefinanzierte Social-Media-Plattformen
nutzen, sind wir das Produkt und die Ware, die an Werbekunden verkauft wird
(Fuchs 2024). Die Werbetreibenden kaufen die Aufmerksamkeit der Nutzer:innen, die über Internetplattformen organisiert und
verkauft wird. Die Nutzer:innen solcher Plattformen
sind nicht nur Konsument:innen von Informationen,
sondern auch Schöpfer von wirtschaftlichem Wert – digitale Prosumenten. Auf Social-Media-Plattformen nimmt die Prosumtion
die Form des produktiven Online-Konsums an.
Bereits 125 Jahre vor Toffler beschrieb Karl Marx die Dialektik von Produktion
und Konsum, als er von der produktiven Konsumtion sprach: „Die Produktion ist
Konsumtion; die Konsumtion ist Produktion. Konsumtive Produktion. Produktive
Konsumtion. […] Die Produktion ist nicht nur unmittelbar Konsumtion, und die
Konsumtion unmittelbar Produktion; noch ist die Produktion nur Mittel für die
Konsumtion und die Konsumtion Zweck für die Produktion, d.h., daß jede der andren ihren Gegenstand liefert, die
Produktion äußerlichen der Konsumtion, die Konsumtion vorgestellten der
Produktion; sondern jede derselben ist nicht nur unmittelbar die andre, noch
die andre nur vermittelnd, sondern jede der beiden schafft, indem sie sich
vollzieht, die andre; sich als die andre“ (Marx 1857/1858, 28).
Die Konvergenz hat dazu
geführt, dass Computer und das Internet allgegenwärtig geworden sind und zu
Schlüsseltechnologien der heutigen Gesellschaften avanciert sind, während die
Medien-Prosumtion die Art und Weise verändert hat,
wie wir uns informieren und kommunizieren, sodass nutzergenerierte Inhalte
entstanden sind. Der Faschismus hat sich diese Affordanzen
der digitalen Medien zunutze gemacht.
Im
Zusammenhang mit der Nutzung digitaler Medien durch die radikale Rechte wurden
eine Reihe politischer und gesellschaftlicher Konzepte mit dem Begriff des
Digitalen verknüpft, was zu neuen Kategorien geführt hat, wie zum Beispiel
digitaler Autoritarismus (Gosztonyi2023, Maerz 2024, Pearson 2024, Roberts
& Oosterom 2024), vernetzter Autoritarismus
(MacKinnon 2011), digitale Autokratie (Frantz, Kendall-Taylor & Wright
2020; Sinpeng und Koh 2022), digitaler Populismus
(Bartlett, Birdwell & Littler 2011; Bobba 2021; Gerbaudo
2018, 2024) und digitaler Faschismus (Degeling 2024, Demír 2025; Fielitz & Marcks 2019, 2022; Fuchs 2022; Klikauer & Simms 2021).
Ich bevorzuge die
Verwendung sowohl des Begriffs „digitaler Autoritarismus“ als auch des Begriffs
„digitaler Faschismus“ und stehe den Begriffen „digitaler Populismus“ (Fuchs
2018a) und „digitale Autokratie“ kritisch gegenüber. Digitaler Autoritarismus ist
allgemeiner als digitaler Faschismus. Er umfasst ein breiteres Spektrum an
Haltungen und Bewegungen als der digitale Faschismus. Er kann ebenfalls Gewalt
befürworten, macht Terror jedoch nicht zwangsläufig zu seinem zentralen
Prinzip. Der Begriff des Populismus weist mehrere Probleme auf. Vor allem haben
sich mehrere Bedeutungen etabliert, darunter Populismus als die Praxis, etwas
populär zu machen; der Versuch, das Volk anzusprechen; der Einsatz von
Populärkultur in der Politik; ein politischer Stil, der den Boulevardmedien
ähnelt (Skandalisierung, Unterhaltung, Spott, Vereinfachung, Eindimensionalität
und Banalisierung); sowie Populismus als Demagogie, Autoritarismus,
Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Faschismus. Ein Problem
besteht darin, dass es kein eindeutiges Verständnis des Begriffs „digitaler
Populismus“ gibt, was ihn verwirrend macht. Ein weiteres Problem ist, dass die
Rede von linkem und rechtem (digitalem) Populismus den Eindruck erwecken kann, Sozialist:innen und Faschist:innen
hätten vergleichbare Mittel und Ziele, was den Terror, den Faschist:innen
verbreiten und praktizieren, verharmlost.
In den letzten Jahren hat
die Zahl der Veröffentlichungen zu Autokratie und digitaler Autokratie
zugenommen (siehe beispielsweise Croissant und Tomini
2024; Frantz, Kendall-Taylor & Wright 2020; Sinpeng
und Koh 2022). Autokratie steht im Zusammenhang mit dem Begriff der Autokratisierung (Cassani & Tomini
2019, Croissant & Tomini 2024, Tomini 2024). Autokratisierung
bezeichnet Prozesse, durch die sich ein politisches System zu einer Autokratie
wandelt. Autokratie ist ein Begriff, der für stark zentralisierte politische
Systeme und die Monopolisierung politischer Macht verwendet wird. Es gibt
jedoch Aspekte totalitärer Herrschaft, die über Machtfragen hinausgehen. Sie
haben mit den Rollen von Ideologie, Gewalt, Nationalismus, Geschlecht, Klasse
usw. zu tun. Das bedeutet, dass wir eine Kategorie benötigen, um die Autokratie
auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu charakterisieren. Autoritarismus wurde
als Begriff verwendet, der sich auf die Gesellschaft insgesamt bezieht.
Autoritäre Gesellschaften umfassen nicht nur ein autokratisches politisches
System, sondern auch bestimmte Formen der Wirtschaft und Kultur. Während die
Autokratie lediglich einen Zustand des politischen Systems beschreibt, sind
Faschismus und autoritäre Gesellschaft Konzepte, die Gesellschaftstypen und
deren verschiedenen Dimensionen sowie Organisationsebenen bezeichnen. Daher
gehen diese beiden Begriffe im Gegensatz zum Konzept der Autokratie über das
politische System hinaus. (Digitale) Autokratie ist ein auf die Politik
zentrierter Begriff, der die Gesellschaft als Ganzes sowie die Wechselwirkung
zwischen Politik und Gesellschaft außer Acht lässt. Deshalb ziehe ich es vor,
den Begriff des „digitalen Faschismus“ statt der Kategorie der „digitalen
Autokratie“ zu verwenden. Er ermöglicht eine umfassendere Makroanalyse.
Es gibt objektive und
subjektive Konzepte. Objektive Konzepte konzentrieren sich auf technologische
Strukturen, d. h. auf Objekte, die zur Speicherung, Übertragung und
Verarbeitung von Informationen dienen, also auf Informationstechnologien oder,
wie manche Beobachter es nennen, auf Medien. Subjektive Konzepte konzentrieren
sich auf Menschen, Gruppen oder menschliche Aktivitäten. Die Unterscheidung
zwischen Subjekten und Objekten ist eine klassische Kategorien-Differenzierung,
die in der Gesellschaftstheorie verwendet wird.
Abbildung 2 zeigt eine
konzeptionelle Übersicht über verschiedene Begriffe, die die Wechselwirkung
zwischen Faschismus und der digitalen Welt beschreiben.

Abbildung 2: Eine
konzeptuelle Übersicht
Objektive
Konzepte betonen den Faschismus im Kontext von Algorithmen, Computern,
Netzwerken, Plattformen, Technologien oder Medien. Dazu gehören beispielsweise
Kategorien wie algorithmischer Faschismus (Kingsmith & Zehner 2025),
computergestützte Propaganda (Woolley & Howard 2019), vernetzter
Autoritarismus/Faschismus und vernetzte Propaganda (Benkler, Faris &
Roberts 2018; MacKinnon 2011, 2012; Rasmussen 2022), Plattformfaschismus (Mirrlees 2019), digitaler/sozialer Medienfaschismus (Unver
2017, Wilkie 2023) sowie Technofaschismus (Coeckelbergh
2026, Möllers 2025).
Subjektive Konzepte
rücken faschistische Handlungen, die durch digitale Technologien vermittelt
werden, in den Vordergrund. Dazu gehören beispielsweise Begriffe wie affektiver
(digitaler) Faschismus (Strick 2023), kognitiver (digitaler) Faschismus (Carter
2014), kommunikativer Faschismus (Langlois 2021), digitale Broligarchie (Cadwalladr 2025), digitaler Mikrofaschismus (Bratich 2022), emotionaler (digitaler)
Faschismus/Populismus (Illouz 2023), informationeller Faschismus (Barlow 1991)
sowie reflexiver (digitaler) Faschismus (Strick 2021, 2023).
Die eben erwähnten
subjektiven Konzepte reduzieren den digitalen Faschismus auf faschistische
digitale Praktiken und Subjekte. Sie vernachlässigen den strukturellen Aspekt
des digitalen Faschismus. Die Reduzierung des digitalen Faschismus auf
faschistische digitale Systeme und Technologien vernachlässigt die
Handlungsfähigkeit der Subjekte des digitalen Faschismus. Autoritarismus und
Faschismus sind, wie ich in Abschnitt 2 dargelegt habe, auf mehreren Ebenen
organisiert. Dass es mehrere Organisationsebenen gibt, bedeutet auch, dass der
(digitale) Faschismus weder nur eine Praxis noch nur ein System ist, sondern
ein Zusammenspiel von Praktiken und Strukturen.
Es
gibt einerseits subjektivistische Theorien, nämlich Handlungstheorien der
Gesellschaft, und andererseits objektivistische Theorien, nämlich
funktionalistische und strukturalistische Theorien der Gesellschaft. Laut
Anthony Giddens (1984) sind Strukturen „Regeln und Ressourcen“ (17), die die
„Systemreproduktion“ (19) unterstützen. „Ressourcen sind Medien, durch die
Macht als routinemäßiges Element der Konkretisierung von Verhalten in der
gesellschaftlichen Reproduktion ausgeübt wird“ (16). Giddens geht „in seinem
Strukturierungsparadigma nicht explizit auf die Frage der Technologie ein“
(Orlikowski 1992, 405).
Aufbauend auf Giddens‘ Strukturationstheorie entwickelte Wanda J. Orlikowski eine Strukturationstheorie der Technologie. Technologien sind
Teil dessen, was Giddens (1984, 33, 258, 373) als „allokative Ressourcen“
bezeichnet, also physische Objekte. Orlikowski definiert Technologien als
„materielle Artefakte (verschiedene Konfigurationen von Hardware und Software)“
und unterscheidet sie von „den menschlichen Aktivitäten, die diese Artefakte
entwerfen oder nutzen“ (Orlikowski 1992, 403). Technologien sind eine besondere
Art von Ressource, bestehend aus physischen Objekten, die zweckmäßig
organisiert sind. Es besteht „eine wechselseitige Interaktion zwischen
menschlichen Akteuren und Technologie“ (403). Technologie ist ein Auslöser
gesellschaftlichen Wandels oder gesellschaftlicher Reproduktion, wobei es je
nach den Affordanzen der Technologie, den
gesellschaftlichen Kontexten, den historischen Umständen usw. zu vorhersehbaren
und/oder unvorhersehbaren Folgen kommt. Orlikowski formulierte das Theorem der
Dualität der Technologie: „Technologie wird durch menschliches Handeln geschaffen
und verändert, doch sie wird auch von Menschen genutzt, um bestimmte Handlungen
auszuführen. Dieser rekursive Begriff von Technologie – den ich als Dualität
der Technologie bezeichne – ist die erste der Prämissen, die ich im Folgenden
ausführe. Die zweite, eine Folge der ersten, lautet, dass Technologie
interpretativ flexibel ist, weshalb die Interaktion von Technologie und
Organisationen eine Funktion der verschiedenen Akteure und sozio-historischen
Kontexte ist, die an ihrer Entwicklung und Nutzung beteiligt sind“ (Orlikowski
1992, 405). Für Giddens (1984, 25) sind Strukturen „Medium und Resultat der
Praktiken, die sie rekursiv organisieren“; sie „ermöglichen und schränken“
menschliches Handeln gleichermaßen ein (162). Technologie als Produkt und Medium
menschlichen Handelns „ist ein Ergebnis menschlichen Handelns wie Gestaltung,
Entwicklung, Aneignung und Modifikation“ (Produkt) und „erleichtert und
schränkt menschliches Handeln durch die Bereitstellung von
Interpretationsschemata, Hilfsmitteln und Normen ein“ (Orlikowski 1992, 410).
Informations- und
Kommunikationstechnologien sind eine besondere Art von Technologien, nämlich
solche, die die menschlichen Fähigkeiten zum Denken, zur Produktion und
Organisation von Informationen sowie zur Kommunikation ermöglichen und
gleichzeitig beschränken. Zu den Informations- und Kommunikationstechnologien
gehören nicht nur Computer, sondern beispielsweise auch „Kerben in Holz,
schriftliche Listen, Bücher, Akten, Filme, Tonbänder“ – Strukturen, die die
„Speicherung von Informationen“ und die „Verbreitung gespeicherter
Informationen“ ermöglichen und auf „die Erinnerungsfähigkeit des menschlichen
Gedächtnisses“ sowie auf „Interpretationsfähigkeiten“ beruhen (Giddens 1984,
261). Die Informationstechnologien „ermöglichen eine raum-zeitliche
Distanzierung“ (Giddens 1984, 262). Der vernetzte Computer ist nur eine von
vielen Informations- und Kommunikationstechnologien bzw. Medien. Alle diese
Medien, darunter beispielsweise der Brief, das Buch, das Radio, das Fernsehen
und das Telefon, ermöglichen eine Überbrückung der raum-zeitlicher Entfernung
sozialer Beziehungen und gesellschaftlicher Verhältnisse, indem sie dazu
beitragen, die Kommunikation über Zeit und Raum hinweg zu organisieren. Was den
Computer von älteren Medien unterscheidet, ist, dass andere Medien und viele
vermittelte Aktivitäten durch die Digitalisierung konvergieren und dass er ein
Medium ist, das Prosumtion ermöglicht.
In Anlehnung an Giddens
(1984) und Orlikowski (1992) können wir von der Dualität und Dialektik des
digitalen Faschismus sprechen. Der digitale Faschismus beruht auf einer
Dialektik zwischen faschistischen Praktiken und digitalen Technologien/Medien.
Wir können hier von einer Dialektik sprechen, da faschistische Online-Praktiken
faschistische Digitalstrukturen konstituieren und transformieren, die wiederum
faschistische Praktiken konstituieren und transformieren. Faschistische
Praktiken und Strukturen sind untrennbar miteinander verflochten, sodass das
eine ohne das andere nicht existieren kann. Beispielsweise setzt ein
faschistischer Akt des Online-Hasses, bei dem ein Faschist anonym droht, ein
Mitglied einer zum Sündenbock gemachten Gruppe zu töten, faschistische
Strukturen wie faschistische Ideologie, faschistische Kommunikationsmittel,
faschistische Verhaltensregeln usw. voraus und reproduziert diese.
Digitaler Faschismus
bedeutet, dass digitale Strukturen faschistische digitale Praktiken, die auf
die Förderung des Faschismus abzielen, bedingen, d. h. ermöglichen und
beschränken. Faschistische digitale Strukturen sind das Medium und das Resultat
faschistischer Praktiken, die sie rekursiv organisieren. Ein solcher Ansatz,
der auf dialektischer Philosophie und Strukturierungstheorie basiert, erscheint
mir plausibler als einer, in dem Technologien als soziale Akteure dargestellt
werden. Solche Annahmen und Argumente sind in der Akteur-Netzwerk-Theorie
(Actor Network Theory, ANT) weit verbreitet, in der es keine klare
Unterscheidung zwischen Technologien und Menschen gibt. Beide werden in einem
extrem weit gefassten Akteursbegriff zusammengefasst.
In dem Buch Digital Fascism gebe ich folgende Definition von digitalem
Faschismus:
„Digitaler Faschismus
bezeichnet die Verbreitung des Faschismus im Internet sowie die Nutzung
digitaler Technologien durch faschistische Gruppen und Einzelpersonen als
Mittel der Information, Kommunikation und Organisation. Der Faschismus ist eine
besondere, terroristische Form des rechten Autoritarismus, deren Ziel es ist,
die als Feinde identifizierten Personen durch Gewalt, Terror und Krieg zu
töten. Digitaler Faschismus bedeutet, dass Faschist:innen
digitale Technologien wie Computer, das Internet, Mobiltelefone, Apps und
soziale Medien nutzen, um (a) intern zu kommunizieren und so die Organisation
faschistischer Praktiken zu koordinieren und (b) in der Öffentlichkeit das
Führerprinzip, Nationalismus, die Anwendung des Freund/Feind-Schemas und
Gewaltandrohungen zu kommunizieren, wozu auch die Propagierung von Gewalt,
Militarismus, Terror, Krieg, Law-and-Order-Politik und der Ausrottung von
konstruierten Feinden und Sündenböcken gehört. Es wird durch Online-Propaganda
versucht, Anhänger zu gewinnen, Unterstützer zu mobilisieren und konstruierte
Feinde zu terrorisieren. Im digitalen Faschismus nutzen Faschist:innen
digitale Technologien, um Gewalt, Terror und Krieg als Mittel zur Errichtung
einer faschistischen Gesellschaft voranzutreiben. […] Zu den Sündenböcken, die
die faschistische Ideologie konstruiert und gegen die sie online hetzt, gehören
Einwanderer, Sozialist:innen, Liberale,
Intellektuelle, Expert:innen und Demokrat:innen“
(Fuchs 2022, 318-319).
Es
sei hinzugefügt, dass der digitale Faschismus die Dualität des digitalen
Faschismus beinhaltet, nämlich die Dialektik zwischen faschistischen digitalen
Praktiken und faschistischen digitalen Strukturen. Mit digitalen Praktiken
meinen wir nicht ausschließlich Online-Aktivitäten. Da digitale Medien
vielfältige Konvergenzprozesse begünstigen, findet auch eine Konvergenz von
Online- und Offline-Faschismus statt, was bedeutet, dass digitale faschistische
Praktiken oft einen hybriden Charakter haben. Der Offline-Faschismus bedient
sich des Online-Faschismus und wird von diesem unterstützt. Online-Faschismus
kann mit Offline-Faschismus interagieren und zu diesem führen. Ein Beispiel für
einen solchen hybriden Online-/Offline-Charakter des digitalen Faschismus ist
eine von faschistischen Kräften orchestrierte Online-Fake-News-Kampagne, die zu
Offline-Debatten zwischen Freunden führt, die beschließen, Mitglieder einer
faschistischen Partei zu werden. Oder eine hybride faschistische
Trolling-Kampagne, bei der faschistische Trolle einen Sündenbock online
bedrohen und ihm auch offline Schaden zufügen. Das Digitale ist immer eine
Mischung aus Online- und Offline-Praktiken. Wir sprechen jedoch nicht von einem
hybriden digitalen/nicht-digitalen Faschismus, sondern lediglich von digitalem
Faschismus, da wir davon ausgehen, dass die Rede vom Digitalen stets sowohl
Online- als auch Offline-Aspekte umfasst. Die Offline-Welt ist in der
Online-Welt aufgehoben, das Digitale umfasst beides. Es ist ein theoretischer
Fehler, für einen Dualismus von Online und Offline zu plädieren, der das
Digitale auf die Online-Welt beschränkt.
Tabelle 3 gibt einen
Überblick über die Unterschiede zwischen digitalem Autoritarismus und digitalem
Faschismus.
|
Aspekt |
Digitaler Autoritarismus |
Digitaler Faschismus |
|
Definition |
Eine allgemeine Form autoritärer Politik, bei
der digitale Technologien zu Überwachungs-, Zensur- und Kontrollzwecken
eingesetzt werden. |
Eine terroristische, antidemokratische Form des
rechten Autoritarismus, die digitale Medien für Ideologie, Mobilisierung und
Gewalt nutzt. |
|
Reichweite |
Weit: umfasst eine Reihe repressiver Haltungen,
Regime und Bewegungen. |
Enger: eine spezifische, gewalttätige Ausprägung
des rechten Autoritarismus |
|
Nutzung digitaler Medien |
Instrumentelle Nutzung von Plattformen und
Datensystemen zu Überwachungs- und Repressionszwecken. |
Ideologischer und militanter Einsatz digitaler
Medien für Propaganda, Organisation und Terror. |
|
Bezug zum Kapitalismus |
Bringt die autoritären Tendenzen des digitalen
Kapitalismus zum Ausdruck |
Stellt die Verschmelzung von digitalem
Kapitalismus und Terror dar – Kapitalismus in seiner faschistischen Form. |
|
Bezug zur Demokratie |
Untergräbt die Demokratie, während vorgegeben
wird, sie zu bewahren |
Baut die Demokratie aktiv ab und legitimiert
Gewalt |
Tabelle 3: Digitaler
Autoritarismus und digitaler Faschismus
Nach
Ansicht des Informationsphilosophen Wolfgang Hofkirchner (2023, 77) sind
Kognition, Kommunikation und (Ko-)Produktion (Hofkirchner spricht von
Kooperation) die drei symbolischen und semiotischen Dimensionen des Handelns.
Er bezeichnet dies als das tripleC-Modell (cognition, communication, co-operation). Das tripleC-Modell
ermöglicht es uns, die Vielfalt der Dimensionen der Information zu verstehen.
Der Vorteil dieses Modells besteht darin, dass es Information weder als Ding
noch als Eigenschaft noch als Substanz begreift, sondern als Prozess, der
subjektive und objektive Aspekte der Welt dialektisch miteinander verbindet.
Kognition bedeutet, dass Menschen ihr Gehirn nutzen, um Informationen über die
Welt gedanklich zu konstruieren. In Kommunikationsprozessen interagieren
Menschen symbolisch, um bestimmte Interpretationen der Welt miteinander zu
teilen. Koproduktion bedeutet, dass Menschen zusammenarbeiten, um etwas Neues
zu schaffen, eine emergente Einheit, die zuvor nicht existierte. Abbildung 3
veranschaulicht den digitalen Faschismus als einen dreifachen semiotischen tripleC-Prozess.

Abbildung 3: Digitaler
Faschismus als dreifacher semiotischer Prozess aus faschistischer digitaler
Kognition, Kommunikation und Koproduktion
Die
Abbildung veranschaulicht die Dualität des digitalen Faschismus. Im unteren
Teil der Abbildung sind die digitalen Praktiken der faschistischen digitalen
Kognition, Kommunikation und Koproduktion dargestellt (das „tripleC“
des digitalen Faschismus). Im oberen Teil befinden sich digitale Strukturen,
die digitale Praktiken vermitteln, d. h. ermöglichen und beschränken, indem sie
Informationen speichern, verbreiten und verarbeiten[3].
Diese Praktiken sind miteinander verknüpft. Jede digitale Kommunikation setzt
digitale Kognition voraus und geht von ihr aus. Jede digitale Koproduktion
setzt digitale Kommunikation voraus und geht von ihr aus. Faschistische
digitale Kognition bezeichnet die individuelle Produktion, Organisation und
kognitive Verarbeitung faschistischer Informationen durch Menschen, die dabei
durch digitale Technologien unterstützt werden. In der faschistischen digitalen
Kommunikation kommunizieren Menschen mithilfe digitaler Technologien, um
faschistische Ziele voranzutreiben. In der faschistischen digitalen
Koproduktion arbeiten Menschen mithilfe digitaler Technologien zusammen, um den
Faschismus voranzutreiben. Faschistische digitale Praktiken (Kognition,
Kommunikation, Koproduktion) haben ein gemeinsames Ziel: die Förderung des
Faschismus. Das bedeutet, dass sie darauf abzielen, autoritäre Führung,
Nationalismus, das Freund/Feind-Schema, das Patriarchat und den Militarismus
als Organisationsprinzipien der Gesellschaft zu fördern, und bereit sind, dies
unter Einsatz von Ideologie und Gewalt als politische Mittel zu tun. Faschist:innen sind bereit, alle Mittel einzusetzen, die
nötig sind, um ihre faschistischen Interessen zu verwirklichen, einschließlich
Ideologie, Gewalt und deren Kombination. Propaganda und Gewalt „verfolgen
denselben Zweck: die Menschen der Kontrolle von oben zu unterwerfen“ (Neumann
1944/2018, 505). Angesichts des massiven Einsatzes von Ideologie und Gewalt
durch den (digitalen) Faschismus ist dieser zutiefst antidemokratisch.
Faschistische digitale Praktiken tragen zur Aufrechterhaltung der
kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Interessen bei, indem sie digitale
Mittel einsetzen, um Gruppen und Einzelpersonen zu unterdrücken, die als
Sündenböcke für die Missstände der Klassengesellschaft herhalten müssen.
Tabelle 4 gibt einen
Überblick über einige Merkmale des digitalen Faschismus. Sie alle weisen die
drei Dimensionen Kognition, Kommunikation und Koproduktion auf. Das tripleC-Modell ermöglicht es uns, die miteinander
verflochtene Informationskomplexität des digitalen Faschismus zu verstehen. Die
dialektische Dualität des digitalen Faschismus funktioniert auf der Grundlage
des tripleC-Modells. Nutzer:innen
verwenden digitale Technologien, um Faschismus kognitiv zu konstruieren, zu
kommunizieren und mitzugestalten. All diese Merkmale verbinden digitale
Praktiken und digitale Strukturen miteinander. Dazu gehören faschistische
Konvergenz, nutzergenerierter Faschismus/faschistische digitale Prosumtion, faschistische digitale Ideologie,
algorithmische und KI-basierte digitale Politik, faschistische Cyberangriffe,
faschistische Datenüberwachung und faschistische digitale Gewalt.
|
Eigenschaft |
Beschreibung |
Kognition |
Kommunikation |
Koproduktion |
|
Faschistische Konvergenz |
die digitale Konvergenz von Technologien, Rollen
und Aktivitäten, die den Faschismus begünstigt |
Digitale Technologien ermöglichen die Konvergenz
verschiedener Medien (Text, Audio, Bild, audiovisuelle Medien) in einem
digitalen Multimedium, die Konvergenz verschiedener sozialer Rollen sowie die
Konvergenz der semiotischen Prozesse der Kognition, Kommunikation und
Koproduktion, sodass Faschist:innen eine einzige
digitale Plattform für vielfältige Zwecke nutzen können, um die
Verwirklichung ihrer Ziele voranzutreiben. |
||
|
Nutzergenerierter Faschismus, faschistische
digitale Prosumtion |
nutzergenerierte faschistische digitale Inhalte |
die individuelle Produktion, Veröffentlichung
und Nutzung faschistischer digitaler Inhalte. |
die digital vermittelte Kommunikation von Nutzer:innen über nutzergenerierte digitale Inhalte und
Online-Inhalte im Allgemeinen. |
die kooperative Erstellung und Veröffentlichung
digitaler Inhalte durch die Nutzer:innen. |
|
Faschistische digitale Ideologie |
die digitale Verbreitung faschistischer
Ideologie durch Nutzer:innen, die Desinformation
verbreiten, lügen, die Realität verfälschen und versuchen, zu täuschen, um
faschistische Interessen zu fördern. |
die individuelle Produktion, Verbreitung und
Rezeption faschistischer Ideologie, unter anderem durch die Erstellung
gefälschter digitaler Nachrichten; Hassrede im Internet; Boulevardmedien im
Internet (sensationslüsterne, oberflächliche, kurze, schnell verbreitete,
skandalträchtige, emotionalisierende und polarisierende Inhalte); die
postfaktische Kultur; Deepfake-Videos, -Bilder und -Audiodateien;
ideologische Echokammern und Filterblasen; gefälschte Websites;
Verschwörungstheorien im Internet; Memes;
gefälschte Social-Media-Profile; orchestrierte
Beiträge; usw. |
die digital vermittelte Kommunikation von Nutzer:innen über faschistische Ideologie. |
die kooperative Erstellung faschistischer
Online-Kampagnen durch Nutzer:innen, die darauf
abzielen, die faschistische Ideologie zu verbreiten, einschließlich der
Verbreitung von Falschmeldungen, Boulevardmedien, Online-Hasskampagnen,
Astroturfing, Echokammern usw. |
|
Algorithmische und KI-basierte faschistische
Politik |
KI und Algorithmen werden eingesetzt, um
Faschismus im Internet halb- oder vollautomatisch zu verbreiten |
der individuelle Konsum faschistischer digitaler
Inhalte, die von KI generiert oder durch Algorithmen gesteuert werden; die
individuelle Entwicklung und Gestaltung von KI oder Algorithmen für
faschistische Zwecke |
die Kommunikation über KI-generierte oder algorithmengesteuerte faschistische Inhalte; die Interaktion zwischen Menschen und KI in
faschistischen Kontexten |
die kooperative Entwicklung und Gestaltung von
KI oder Algorithmen durch Nutzer:innen für
faschistische Zwecke; die kooperative Organisation faschistischer
Kampagnen durch Nutzer:innen, bei denen KI,
Algorithmen, algorithmische Personalisierung, algorithmische Sortierung,
prädiktive Algorithmen, Bots, Bot-Armeen/-Netzwerke, virtuelle Influencer:innen, Viren, Malware usw. zum Einsatz kommen |
|
Faschistische Cyberangriffe |
Cyberangriffe zur Durchsetzung faschistischer
Ziele, darunter beispielsweise Social Engineering
(Phishing usw.), Malware-basierte Angriffe, Angriffe auf Netzwerke und
Infrastruktur, Ausnutzung von Software-Schwachstellen, koordinierte digitale
Angriffe, Online-Betrug und Online-Betrugsdelikte usw. |
die individuelle Orchestrierung faschistischer
Cyberangriffe; die Reaktionen eines Opfers auf einen faschistischen
Cyberangriff |
Kommunikation über faschistische Cyberangriffe |
Die koordinierte Durchführung faschistischer
Cyberangriffe; gemeinsame Reaktionen auf Cyberangriffe |
|
Faschistische Datenüberwachung |
die digitale Überwachung von Nutzer:innen
und Praktiken der Datensammlung, einschließlich der Sammlung und Auswertung
von Big Data, zu faschistischen Zwecken |
die individuelle Organisation der faschistischen
Datenüberwachung, die Reaktionen eines Nutzers/einer Nutzerin auf die
faschistische Datenüberwachung |
Kommunikation über faschistische
Datenüberwachung |
Die kooperative Organisation faschistischer
Datenüberwachung |
|
Faschistische digitale Gewalt |
digitale Gewalt zu faschistischen Zwecken
bedeutet den Einsatz digitaler Technologien, um Menschen zu töten oder ihnen
körperlichen Schaden zuzufügen |
die individuelle Organisation faschistischer
digitaler Gewalt; die kognitive Erfahrung digitaler Gewalt aus der
Perspektive eines Opfers |
Kommunikation über faschistische digitale Gewalt |
die kooperative Organisation faschistischer
digitaler Gewalt |
Tabelle 4: Merkmale des
digitalen Faschismus
Einige
Medientheoretiker:innen und Beobachter:innen
haben behauptet, dass das Internet und die sozialen Medien Formen einer
partizipativen digitalen Kultur seien, die die digitale Welt demokratischer
gemacht hätten. So argumentiert beispielsweise der Medientheoretiker Henry
Jenkins, dass soziale Medien sich viral „ausbreitende Medien“ (spreadable media) sind, in denen Nutzer:innen Informationen verbreiten, sodass die Kultur
„weitaus partizipativer“ werde (Jenkins et al. 2013, 1) und „das Web zu einem
Ort der Konsumentenpartizipation geworden ist“ (Jenkins 2008, 137). Viele
solcher Behauptungen beruhen auf einer übertriebenen Begeisterung für neue
Technologien, Unterhaltung und Populärkultur (vgl. Fuchs 2019, Kapitel 3).
Diejenigen, die solche Behauptungen aufstellen, versuchen oft, ihren Status als
Fans zu rechtfertigen, zu rationalisieren und zu idealisieren.
Obwohl Neonazis bereits
in den 1990er Jahren das Internet nutzten, war in den Anfängen des World Wide
Web wohl nicht abzusehen, dass der digitale Faschismus eine solche Macht
erlangen würde. Ein Teil des technologischen Optimismus der 1990er Jahre, wie beispielsweise
John Perry Barlows (1996) Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace („A
Declaration of the Independence of Cyberspace“), teilte die Ablehnung
demokratischer staatlicher Regulierung des Digitalen, die für den digitalen
Neoliberalismus und den digitalen Faschismus charakteristisch ist, sowie deren
Verbindung. Der Techno-Optimismus neigt dazu, die Schattenseiten der
Populärkultur, der Unterhaltungsindustrie und der digitalen Technologie zu
übersehen, zu ignorieren oder herunterzuspielen – nämlich dass sie auch
Schauplätze für faschistische Kräfte sind. In den 1990er Jahren lachten viele Beobachter:innen über das schlechte Design neonazistischer
Websites und hielten die Internetkultur für von Natur aus fortschrittlich.
Heute betreiben digitale Tech-Mogule und
rechtsextreme Politiker:innen ihre eigenen
Alt-Right-Plattformen; und rechtsextreme Parteien, Politiker:innen
und Influencer:innen erreichen eine riesige Anzahl
von Followern in den sozialen Medien. Soziale Medien sind auch ein Bereich des
partizipativen Faschismus, in dem Nutzer:innen die
Möglichkeiten digitaler Medien anwenden, um faschistische Propaganda zu
verbreiten.
Rechtsextreme Parteien
und „Alt-Right“-Plattformen bedienen sich des Diskurses und der Kategorien der
partizipativen und deliberativen (digitalen) Demokratie. Sie sprechen davon,
digitale Medien als antielitäre Instrumente für die direkte Bürgerbeteiligung,
als Gegen- und Alternativmedium sowie zur Aufklärung der Nutzer:innen
einzusetzen. Folglich trifft die Behauptung, dass die Partizipation der Nutzer:innen an Politik und Online-Debatten die Demokratie
voranbringt, nicht immer und nicht zwangsläufig zu. Partizipative digitale
Demokratie und deliberative digitale Demokratie müssen mit einer
konstitutionellen digitalen Demokratie kombiniert werden, die die „Prinzipien
des Rechtsstaats“ (Habermas 1992, 361), wie die Bürger- und Menschenrechte
sowie die Menschwürde, im Kontext digitaler Praktiken institutionalisiert.
Der digitale Faschismus
hat gesellschaftliche Dimensionen. Es gibt eine Ökonomie, eine Politik und eine
Kultur des digitalen Faschismus. Die wirtschaftliche Dimension bezieht sich auf
das Eigentum an digitalen Plattformen, die faschistische Inhalte verbreiten,
sowie auf die Finanzierung und die wirtschaftliche Organisation des Faschismus
im Internet. Die wirtschaftliche Dimension bildet die Grundlage des digitalen
Faschismus. Man kann faschistische Ideen nicht produzieren, verbreiten und
konsumieren ohne Kommunikationsmittel, die produziert und den Nutzer:innen zur Verfügung gestellt werden – was ein
wirtschaftlicher Prozess ist. Die politische Dimension des digitalen Faschismus
bezieht sich auf die Art und Weise, wie Gesetze und politische Maßnahmen den
digitalen Faschismus ermöglichen und beschränken, auf den digitalen Faschismus
als soziale Bewegung, auf die Kolonisierung der Öffentlichkeit durch den
digitalen Faschismus sowie auf die Beziehung von digitalem Kapital und der
digitalen Wirtschaft zu Politiker:innen, politischen
Parteien und Regierungen. Die kulturelle Dimension des digitalen Faschismus hat
damit zu tun, wie Nutzer:innen in ihrem Alltag und in
Bezug auf die Ideologien des Internets sowie Ideologien im Internet mit dem
digitalen Faschismus umgehen. Ideologien des Internets bedeutet, dass Faschist:innen ideologische Behauptungen über das Internet
aufstellen. Digitale Ideologie nimmt zwei Formen an: Techno-Optimismus und
Techno-Pessimismus. Digitale Medien werden entweder dafür gelobt, dass sie
alles besser machen, oder dafür verteufelt, dass sie alles schlechter machen.
In jedem Fall wird der digitalen Technologie als solcher zugeschrieben, dies
oder jenes zu bewirken, was die dialektische Beziehung zwischen Technologie und
Gesellschaft trivialisiert.
Der Faschismus hat sowohl
eine zeitliche als auch eine räumliche Dimension. Auch die Frage, welche neuen
Formen er annehmen kann, hat raum-zeitliche Aspekte. In räumlicher Hinsicht
stellt sich die Frage, ob der Faschismus auf bestimmte Teile der Welt, wie
beispielsweise den Westen, beschränkt ist oder ob er in allen Regionen der Welt
entstehen kann. Geht man davon aus, dass Kapitalismus und Imperialismus
zwangsläufig westlichen Charakter haben, dann müssen auch Faschismus,
Neofaschismus und digitaler Faschismus als zwangsläufig westliche Phänomene
verstanden werden. Der Kapitalismus ist jedoch global und bildet ein
Weltsystem, und es gibt verschiedene Arten von Kapitalismus – nicht nur den
neoliberalen Kapitalismus, sondern auch den Staatskapitalismus, den
oligarchischen Kapitalismus und andere. Daher bergen auch kapitalistische
Systeme wie Russlands oligarchischer fossiler Kapitalismus und Chinas
Staatskapitalismus faschistische Potenziale. Die geografische Beschränkung von
Faschismus und Autoritarismus auf den Westen führt zu einer Form des Okzidentalismus, die für ideologische Zwecke missbraucht
werden kann, um reale existierende faschistische und autoritäre Systeme zu
verharmlosen. Der Faschismus als Gesellschaftsform ist eine Art von
Kapitalismus, die überall und jederzeit dort entstehen kann, wo der Kapitalismus
existiert.
Kritische Theoretiker:innen, die sich mit der heutigen extremen
Rechten auseinandersetzen, haben Begriffe wie „Spätfaschismus“ (Toscano 2023),
„neoliberaler Faschismus“ (Giroux 2019), „neuer Faschismus“ (Traverso 2019) und
„Postfaschismus“ (Tamás 2000) verwendet. In solchen Ansätzen wird der
Faschismus historisch nicht auf den Nationalsozialismus und den italienischen
Faschismus beschränkt, sondern gilt als ein allgemeineres System, das sich im
Laufe der Geschichte wandelt. Auf der Grundlage solcher
dialektisch-historischer Ansätze können wir argumentieren, dass es
Kontinuitäten und Diskontinuitäten des Faschismus gibt, und der Frage
nachgehen, wie digitale Medien ihn verändert haben.
Es
gibt zehn Facetten des zeitgenössischen (digitalen) Faschismus, die ich in Form
von Arbeitshypothesen formuliert habe:
Facette 1 – der gesellschaftliche Kontext:
Der
klassische Faschismus entstand vor dem Hintergrund der Krise des finanzialisierten, industriellen, staatsmonopolistischen
Kapitalismus.
Der
zeitgenössische Faschismus operiert vor dem Hintergrund der vielfältigen Krisen
des finanzialisierten, digitalen, neoliberalen,
flexiblen, globalen Kapitalismus.
Facette 2 – Faschismus und digitaler Kapitalismus:
Wenn
der Faschismus an Macht gewinnt, wird er in der Regel von den dominierenden
Kapitalfraktionen unterstützt. Das Industriekapital unterstützte den
klassischen Faschismus.
Manche
sagen, dass das Digital- und Kommunikationskapital, das Finanzkapital sowie das
Kapital aus den Bereichen fossile Brennstoffe, Verkehr und Energie den heutigen
Autoritarismus und Faschismus unterstützen. Diese Entwicklung spiegelt den
Übergang vom industriellen zum globalen digitalen, finanzialisierten
und auf fossilen Kapitalismus wider.
Facette 3 – digitale Angriffsmethoden (digitale Gewalt und Ideologie im
Internet):
Der
klassische Faschismus setzte in bewaffneten Konflikten vorwiegend Sturmtruppen
und Soldaten ein und nutzte staatlich kontrollierte Rundfunkmedien (wie den
Volksempfänger) als Mittel zur Verbreitung seiner Ideologie.
Der
heutige Faschismus bedient sich unter anderem robotergestützter, KI-basierter
und unbemannter Waffensysteme, die die Kriegsführung teilweise oder vollständig
automatisieren und die Rolle des Menschen auf dem Schlachtfeld einschränken,
sowie digitaler ideologischer Mittel wie Trollarmeen,
Fake News im Internet, Echokammern, algorithmische Politik und soziale Medien,
um definierte Feinde anzugreifen.
Der
Faschismus ist anti-humanistisch; er hat keinerlei Respekt vor dem menschlichen
Leben und den Menschenrechten. Die Automatisierung der Kriegsführung nutzt
halbautonome oder autonome Tötungsroboter, um Schäden und Letalität zu erhöhen.
Solche „posthumanen“ Systeme eignen sich besonders für faschistische Zwecke, da
sie es ermöglichen, Massenmorde aus der Ferne zu verüben, ohne zwischen
Soldaten und Zivilisten zu unterscheiden, lediglich motiviert durch das
ideologische Programm der Tötung von Feinden, das ein Kernmerkmal des
Faschismus ist und das digitale Faschist:innen
mithilfe von KI und Robotik in digitale Maschinen einprogrammieren können, die
nach Belieben töten.
Facette 4 – nutzergenerierter Faschismus:
Der
klassische Faschismus stützte sich auf eine zentral organisierte Propaganda und
Lügen, wofür er den Rundfunk und Massenveranstaltungen nutzte.
Auch der moderne Faschismus verbreitet Propaganda und Lügen, verbindet jedoch
einen zentralisierten ideologischen Apparat mit der Organisation von
nutzergenerierter Postfaktizität, nutzergenerierten Fake News und Echokammern
bzw. Filterblasen, die faschistische Ideologie verbreiten. Das Merkmal der Prosumtion digitaler Medien ermöglicht den
nutzergenerierten Faschismus.
Facette 5 – vernetzte Organisation und Führung:
Der
klassische Faschismus war streng hierarchisch nach dem Führerprinzip
organisiert.
Der
zeitgenössische Faschismus vergöttert den Führer und verbindet zudem
faschistische Führung mit einer vernetzten, dezentralisierten Organisation, was
mit der Konvergenz digitaler Medien zusammenhängt, die Grenzen abbaut, sodass
keine zentrale Steuerung der Kommunikation erforderlich ist.
Facette 6 – schleichender Faschismus:
Der
klassische Faschismus lehnte die Demokratie offen ab. Der zeitgenössische
Faschismus tarnt sich oft als demokratisch und gibt vor, demokratisch zu sein.
Der heutige Faschismus hat einen eher unmerklichen Charakter. Es handelt sich
dabei tendenziell um einen schleichenden Faschismus (Gross 1980) und einen
demokratischen Faschismus (Amlinger und Nachtwey 2025), der die Demokratie
schrittweise untergräbt und negativ verändert, um sie schließlich abzuschaffen.
Facette 7 – Das
Freund/Feind-Schema und der Nationalismus:
Der
klassische Faschismus definierte die Nation und den Feind in erster Linie
anhand von Rasse und Biologie; der zeitgenössische Faschismus definiert den
Feind und die Nation eher anhand von Kultur und Religion. Der faschistische
Biologismus ist nicht tot, sondern wurde vom faschistischen Kulturalismus
subsumiert und in diesen integriert.
Sowohl
der klassische als auch der zeitgenössische Faschismus konstruieren
Verschwörungstheorien über eine Allianz aus Sozialist:innen,
Liberalen, Expert:innen und Minderheiten (Juden und
Jüdinnen, Einwanderer, Flüchtlinge, People of Colour, Muslime usw.), die
angeblich die Welt beherrschen. Der klassische Faschismus hat diese
proklamierte Allianz oft rassistisch interpretiert, während der zeitgenössische
Faschismus eine solche Allianz als eine der „Globalisierer“,
„großstädtischen Eliten“, der „politischen Korrektheit“, des „kulturellen
Marxismus“ usw. konstruiert.
Facette 8 – emotionaler digitaler Faschismus:
Sowohl
der zeitgenössische als auch der klassische Faschismus sprechen das menschliche
Bewusstsein an, indem sie Emotionen und Ideologie miteinander verbinden.
Der
zeitgenössische Faschismus nutzt künstliche Intelligenz, Algorithmen, Big Data
und computergestützte Sozialwissenschaften, um Emotionen zu simulieren, zu
analysieren und zu manipulieren.
Facette 9 – faschistische digitale Populärkultur:
Während
klassische Faschist:innen zur Unterhaltung auf die
Verhöhnung ihrer Gegner zurückgriffen, agieren zeitgenössische Faschist:innen im Umfeld der digitalen Populärkultur. Daher
sind einige von ihnen selbst Teil der Populärkultur, indem sie als Social-Media-Influencer:innen, Sänger:innen,
Musiker:innen, Reality-TV-Stars, Prominente usw. auftreten. Zeitgenössische Faschist:innen sind oft Populärkultur und produzieren
Populärkultur. Obwohl sie oft wohlhabend und ungewöhnlich sind, präsentieren
sich faschistische Führer häufig als ganz normale, gewöhnliche kleine Leute und
Arbeiter:innen mit populären Vorlieben, Interessen
und Gewohnheiten.
Facette 10 – Populistische (soziale) Medienkultur und Faschismus:
Es
besteht eine strukturelle Parallele zwischen der Boulevardpresse, den
Möglichkeiten bestimmter Social-Media-Plattformen
(wie beispielsweise dem Kurzvideoformat auf TikTok) und der von faschistischen
Bewegungen praktizierten Logik der Vereinfachung, Oberflächlichkeit und
Beschleunigung. Dieser Umstand könnte erklären, warum Akteure der heutigen
extremen Rechten in den sozialen Medien tendenziell sehr aktiv sind.
Diese
zehn Facetten des digitalen Faschismus sind neue Merkmale des Faschismus, die
dessen kommunikativen Aspekt von älteren Formen des Faschismus unterscheiden.
Ausgehend vom Begriff des digitalen Faschismus werde ich als Nächstes der Frage
nachgehen, in welcher Beziehung der digitale Kapitalismus und der digitale
Faschismus zueinanderstehen.
In
diesem Abschnitt soll dargelegt werden, in welcher Beziehung Kapital(ismus) und Faschismus zueinanderstehen und was dies für den
digitalen Kapitalismus und den digitalen Faschismus bedeutet.
Ausgehend von Horkheimers
(1939, 115) Feststellung aus dem Jahr 1939, dass zwischen Kapitalismus und
Faschismus ein innerer Zusammenhang bestehe („Wer aber vom Kapitalismus nicht
reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“)., weist das Aufkommen neuer
Formen des Faschismus und des Autoritarismus, einschließlich des digitalen
Faschismus, einen inneren Zusammenhang mit dem Kapital und dem Kapitalismus
auf. In diesem Kontext interessiert uns insbesondere der Zusammenhang zwischen
dem digitalen Kapital des Silicon Valley und dem digitalen Faschismus.
Im
Jahr 2025 wurde Donald Trump zum mächtigsten Politiker der Welt. Er wurde nicht
nur von Persönlichkeiten wie Elon Musk und Peter Thiel unterstützt, sondern
sein Sieg in der US-Präsidentschaftswahl 2024 wurde von der gesamten Tech-Elite
des Silicon Valley begrüßt.
Am 4. September 2025 lud Donald Trump die CEOs der führenden Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley zu einem Abendessen ins Weiße Haus ein. Zu den Gästen zählten Sam Altman (OpenAI: ChatGPT), Tim Cook (Apple), Bill Gates (Microsoft), Safra Katz (Oracle), Sundar Pichai (Alphabet: Google, YouTube) und Mark Zuckerberg (Meta: Facebook, Instagram, WhatsApp). Ein ikonisches Video (https://www.youtube.com/watch?v=dsl_sKYywEI, abgerufen am 16. März 2026) zeigt, wie die Tech-Bosse Trump feiern und loben. So sagen sie beispielsweise zu Trump:
Bill Gates:
Thank you for incredible leadership.
Sam Altman:
Thank you for being such a pro-business, pro-innovation president. It is a very refreshing change. We are very excited to see what you are doing to make all of our companies and our entire country so successful.
Tim Cook:
It is incredible to be among everyone here, particularly you and the First Lady. […] I want to thank you for setting the tone such that we can make a major investment in the United States.
Safra Katz:
you’ve unleashed American innovation and creativity.
Sundar Pichai:
Your administration is investing a lot. Already, the AI Action Plan under your leadership is a great start. And we look forward to working together. And thanks for your leadership.
Das
Video zeigt nicht nur die Verflechtung von Großkapital und Großmacht, die in
allen Formen und Phasen des Kapitalismus existiert, sondern auch, dass die
Silicon-Valley-Elite des digitalen Kapitals Trump befürwortet, weil sie von ihm
erwartet, die digitale Wirtschaft in und über die USA hinaus vollständig zu
deregulieren, damit das digitale Kapital weltweit nach Belieben handeln kann,
um immer mehr Kapital zu akkumulieren. Deshalb feiern sie Trump als einen
unglaublichen wirtschafts- und innovationsfreundlichen Führer, der digitale
Innovation und Kreativität entfesselt usw. Die beunruhigende Realität ist, dass
das Video zeigt, dass das (digitale) Kapital sich nicht um die Demokratie
schert und heute vielleicht die Demokratie und morgen den Autoritarismus
unterstützt, je nachdem, welches System eine bessere und mehr
Kapitalakkumulation ermöglicht. Das digitale Kapital organisiert weite Teile
unserer Online-Kommunikationsströme, die sowohl im öffentlichen als auch im
privaten Bereich stattfinden. Wenn digitales Kapital zu faschistischem oder
autoritärem digitalem Kapital wird, ist die demokratische Kommunikation in
Gefahr.
Der klassische Faschismus
hatte das Industriekapital, das damals eine beherrschende Stellung einnahm, als
wirtschaftliche Basis. Der zeitgenössische Faschismus stützt sich auf die
dominanten Kapitalfraktionen, darunter das digitale Kapital, das Finanzkapital
und das Mobilitätskapital (die Öl- und Gasindustrie sowie die
Transportindustrie). Franz L. Neumann äußerte sich zu den deutschen
Industriellen und ihrem Verhältnis zu den Nazis folgendermaßen: „Thyssen,
Kirdorf und andere zahlten 1932 der Nationalsozialistischen Partei die Schulden
[…] Die Häuser der Industrieführer standen Hitler und Ley, Göring und Terboven offen. […] Im Hinblick auf die imperialistische
Expansion besitzen der Nationalsozialismus und das Großkapital identische
Interessen. Der Nationalsozialismus strebt nach Ruhm und Stabilisierung seiner
Herrschaft, die Industrie nach der vollen Nutzung ihrer Kapazitäten und
Eroberung fremder Märkte. Die deutsche Industrie ist bereit gewesen, voll und
ganz zu kooperieren. Demokratie, bürgerliche Rechte, Gewerkschaften und
öffentliche Diskussion hat sie nie gemocht. Der Nationalsozialismus benutzte
den Wagemut, die Kenntnisse, die Aggressivität der industriellen
Führungsschicht, während die ‚Wirtschaftsführer‘ den Antidemokratismus,
Antiliberalismus und die Gewerkschaftsfeindlichkeit der Nationalsozialistischen
Partei benutzten, die jene Techniken, mit denen die Massen gelenkt und
beherrscht werden können, voll entwickelt hatte“ (Neumann 1944/2018, 421, 422).
Wenn wir Neumanns Analyse
aktualisieren, lässt sich sagen, dass die Häuser der Silicon-Valley-Elite für
zeitgenössische Autoritäre offen sind. Die Mitglieder dieser Elite sehen eine
Übereinstimmung zwischen ihren Interessen und denen Trumps. Trumps programmatisches
Mantra, „Amerika wieder groß zu machen“, beinhaltet, das US-Kapital und seine
hegemonialen Fraktionen noch mächtiger zu machen. Dass Trump selbst Kapitalist
ist, macht es der Tech-Elite noch leichter, ihn als einen der ihren zu
betrachten und ihn als ihren Führer zu preisen.
Wie
hängen Kapitalismus und Faschismus also genau zusammen? Kapitalismus und
Faschismus stehen in vielerlei Hinsicht in einer komplexen Beziehung
zueinander:
· Der Faschismus ist eine Form des Kapitalismus,
dessen Hauptprinzipien Terror und Gewalt sind. Eine faschistische Gesellschaft
ist zwangsläufig eine kapitalistische Gesellschaft, in der die
Kapitalakkumulation mit gewaltsamen Mitteln wie Krieg, Zwangsarbeit und Terror
erfolgt.
· Krisen der kapitalistischen Gesellschaft können
sich zu faschismusproduzierenden Krisen auswachsen (Eley 2015).
· Der Faschismus als Ideologie lenkt von den
komplexen Ursachen gesellschaftlicher und sozialer Probleme ab, die in der
kapitalistischen Gesellschaft, der politischen Ökonomie, den
Klassenverhältnissen und Herrschaftsstrukturen begründet liegen. Es gibt unzählige
historische und zeitgenössische Beispiele, die zeigen, wie Faschist:innen
Sündenböcke (wie Juden, Jüdinnen oder Migranten) für gesellschaftliche
Missstände (wie Kriminalität sowie Krisen in den Bereichen Wohnen,
Gesundheitsversorgung, Bildung, Beschäftigung, Löhne, Renten, Sozialstaat usw.)
konstruieren, um die Aufmerksamkeit von den politisch-ökonomischen Ursachen
solcher Probleme abzulenken.
· Im Rahmen des Freund/Feind-Schemas als
ideologischen Aspekt des Faschismus appellieren Faschist:innen
an die Ängste der Menschen vor Entfremdung, also an ihre Ängste vor dem Verlust
von Reichtum, Geld, Status, Macht, Identität, Ansehen usw., die im Kapitalismus
durch Akkumulationsstrukturen, welche soziale Klassen hervorbringen, einen
eigentumsähnlichen Status haben. Die Faschist:innen versuchen, diese Ängste der Menschen zu
mobilisieren.
· Faschistische Bewegungen sind auf Geldgeber
angewiesen, zu denen seit jeher Milliardäre und die Eigentümer großer Konzerne
gehören.
· Das Kapital ist von Natur aus nicht an ein
bestimmtes politisches System gebunden, sondern politisch flexibel. Es
unterstützt jene politischen Interessen und Systeme, die für die
Kapitalakkumulation am günstigsten sind. Folglich neigen bestimmte Kapitalisten
oder Kapitalfraktionen dazu, sich politisch und ideologisch dem Faschismus
zuzuwenden, wenn dieser auf dem Vormarsch ist.
· Manche sagen, dass das digitale Kapital zu den
Kapitalfraktionen gehört, die neue faschistische Kräfte stark unterstützen, da
es hofft, dadurch bestehende Akkumulationsmöglichkeiten zu erhalten und neue zu
gewinnen.
· Der neoliberale Kapitalismus und der Faschismus
teilen die sozialdarwinistische Ideologie des Überlebens des Stärkeren und des
gnadenlosen Wettbewerbs, die Missachtung der Schwachen, die Ablehnung des
Sozialismus und der Arbeitnehmerrechte, den Glauben an die Bedeutung einer
starken Führung (CEO in der kapitalistischen Wirtschaft, Diktator in der
autoritären Politik), Anti- und Posthumanismus sowie patriarchalische
Strukturen.
Gebru
und Torres (2024) charakterisieren die Ideologie des Silicon-Valley-Kapitals,
insbesondere des KI-Kapitals, als „TESKREAL“: „Transhumanismus, Extropianismus, Singularitarianismus,
(moderner) Kosmismus, Rationalismus, effektiver
Altruismus und Longtermismus“ (Gebru & Torres
2024, 2). Viele digitale Kapitalist:innen glauben,
dass digitale Technologien und KI es ihnen ermöglichen können, ewig zu leben.
Der Analyse von Gebru und Torres lässt sich hinzufügen, dass es eine Parallele
zwischen der TESKREAL-Ideologie und der Kapitalakkumulation gibt, nämlich die
Erwartung zeitlicher Unendlichkeit. TESKREAL will das Leben letztlich in die
Zeit hinein verlängern. Der Kapitalismus will die Kapitalakkumulation immer
weiter ausdehnen, indem er die Arbeitszeit der Arbeiter:innen
endlos in Mehrwert und Profit umwandelt. Endlose Zeit ist das, was den
Kapitalismus und die TESKREAL-Ideologie verbindet. Gebru und Torres weisen auf
einen wichtigen Aspekt der Ideologie des digitalen Kapitals hin.
Politökonomische Aspekte fehlen jedoch weitgehend in ihrer Analyse. Ein
beunruhigender Aspekt des digitalen Kapitals ist, dass es zugleich
postideologisch und hyperideologisch ist. Das digitale Kapital ist so sehr vom
Interesse der Kapitalakkumulation dominiert – die nicht nur das wichtigste wirtschaftliche
Merkmal des Kapitalismus, sondern auch eine Ideologie ist –, dass es sich nicht
mehr darum schert, welche politische Weltanschauung oder Ideologie es
unterstützt, und sich für jene entscheidet, die eine Maximierung der Profitrate
ermöglicht; deshalb erleben wir heute die Konvergenz von digitalem Kapital(ismus) und digitalem Faschismus.
Laut den von OpenSecrets (2024) zusammengestellten Unterlagen der
Federal Election Commission
meldeten die Unterstützerkomitees für Donald J. Trump im Wahlzyklus 2024
Gesamteinnahmen von etwa 1,45 Milliarden US-Dollar. Die Aufschlüsselung von OpenSecrets weist ungefähr 287,5 Millionen US-Dollar Elon
Musk und 150 Millionen US-Dollar Timothy Mellon zu, verteilt auf relevante
Komitees und Ausgabenvehikel. Diese Zahlen spiegeln die von OpenSecrets
verwendete Aggregationsmethode wider und können sich durch neue Meldungen noch
ändern. Nach dieser Berechnung repräsentiert Musk etwa 19,8% und Mellon etwa
10,3% der Spenden für Trump (Datenquelle: OpenSecrets
2024). Mellon ist ein Investor, der hauptsächlich im Transportsektor tätig ist,
insbesondere im Bereich der Eisenbahnen und des Schienenverkehrs. Elon Musk ist
die reichste Person der Welt mit einem geschätzten Vermögen von rund 840
Milliarden US-Dollar im März 2026 (Datenquelle: https://www.forbes.com/billionaires/, abgerufen am 13. März 2026). Seine wichtigsten
Investitionen liegen im Transportsektor (Automobilindustrie: Tesla,
Raumfahrtindustrie: SpaceX) sowie in der Digitalbranche (X, xAI). Weitere
Unternehmen aus dem Transport- und Energiebereich (Öl, Gas), die bedeutende
Beiträge zum Wahlkampf von Trump im Jahr 2024 leisteten, waren Bigelow
Aerospace und Energy Transfer LP. Auch Andreessen Horowitz war ein Unternehmen
aus der Digitalbranche, das eine große Spende für Trumps Wahlkampagne 2024
leistete. Wichtige Vertreter der Transport-, Mobilitäts- und Digitalindustrien
haben öffentlich Trump unterstützt oder bedeutende Beiträge an die
Unterstützungskomitees geleistet, was von Kritikern als Ausrichtung auf
rechtsgerichtete politische Ziele interpretiert wird.
|
Industrie |
Spendensumme |
Anteil |
Anzahl der Spender |
|
FIRE |
US$73.487.430 |
30,1% |
184 |
|
Energie und Verkehr |
US$36.604.591 |
15,0% |
76 |
|
Kommunikation und Digitalwirtschaft |
US$28.796.605 |
11,8% |
64 |
|
Unbekannt |
US$23.477.892 |
9,6% |
120 |
|
Gesundheit |
US$18.746.000 |
7,7% |
57 |
|
Verschiedene |
US$16.801.887 |
6,9% |
72 |
|
Sonstige |
US$13.998.918 |
5,7% |
66 |
|
Agrarwirtschaft |
US$13.008.264 |
5,3% |
18 |
|
Bauwesen |
US$5.294.576 |
2,2% |
30 |
|
Ideologie/Einzelthemen |
US$4.975.000 |
2,0% |
10 |
|
Verteidigung |
US$4.650.000 |
1,9% |
6 |
|
Anwälte & Lobbyisten |
US$4.345.186 |
1,8% |
26 |
|
Partei- und Sachspenden |
US$147 |
0,0% |
1 |
|
Gesamt |
US$244.186.496 |
100,0% |
730 |
Tabelle 5: Gemeldete
Spenden für Donald Trumps Inaugurationsveranstaltung im Jahr 2025, nach
Industrien organisiert, Datenquelle: OpenSecrets
(2025), abgerufen am 7. Oktober 2025
Trump
erzielte fast 250 Millionen US-Dollar an Spenden für seine
Präsidentschaftsinauguration im Januar 2025. Tabelle 5 gibt einen Überblick
über die Spender, geordnet nach Branchen. Die wichtigsten Spenderbranchen waren
FIRE (Finanzen, Versicherungen, Immobilien), Energie und Verkehr sowie
Kommunikation und digitale Industrien. Laut Daten von OpenSecrets
(2025) waren die Einzelpersonen und Unternehmen aus der digitalen und
Kommunikationsbranche, die jeweils eine große Spende von einer Million
US-Dollar für Trumps Inauguration 2025 leisteten, Adobe, Amazon, Applied
Materials, AT&T, Charter Communications, Citrix Systems, Comcast, Coupang, Google, Gregory Brown (Motorola Solutions), Perplexity AI, C3 AI, Intuit,
John Hering (Lookout), Broadcom Inc, Meta, Micron Technology, Nvidia, Qualcomm, Timothy Cook
(Apple), Samuel Altman (OpenAI), Veeam Software und Verizon Communications
(Datenquelle: OpenSecrets 2025).
Die Daten stützen meine
Arbeitshypothese Nummer 2 im Kontext der Trump-Präsidentschaft, nämlich dass
das Finanzkapital, das Digital- und Kommunikationskapital sowie das fossile
Kapital, das Transport- und das Energie-Kapital besonders wichtige Unterstützer
des rechten Autoritarismus sind. Das digitale Kapital ist nicht der
Hauptunterstützer und nicht der einzige Unterstützer von Trump, aber ein
bedeutender. Das digitale Großkapital gehört zu den Kapitalarten, die heute die
höchsten Profitraten erzielen (Fuchs 2024, 180: Tabelle 6.1). Im Jahr 2022 lag
die durchschnittliche Profitrate der 18 größten Medien- und Digitalunternehmen
weltweit bei 22,3 Prozent (Fuchs 2024, 180). Daher neigen digitale
Kapitalistinnen und Kapitalisten dazu, jedes System und jede Ideologie zu
unterstützen, die unendliche Kapitalakkumulation fördert. Nicht alle, aber
einige von ihnen, sind ideologisch überzeugte Autoritäre. Doch durch die
Unterstützung von Autoritären werden sie zu einem aktiven Teil des
Autoritarismus.
Laut OpenSecrets
(2024) leistete Musk einen enormen Beitrag zu Trumps Wahlkampf. Analysten haben
seine Rolle nach der Wahl als ungewöhnlich einflussreich beschrieben, obwohl
keine offizielle Beraterfunktion bestätigt wurde. Einige sagen, dass der
reichste Mensch der Welt seine wirtschaftliche Macht mit der des politisch
mächtigsten Menschen der Welt verschmolzen habe, was zu einer immensen
politisch-ökonomischen Machtkonzentration geführt habe. Musk unterstützte nicht
nur Trump, sondern signalisierte beispielsweise auch öffentlich seine
Unterstützung für Nigel Farages Reform UK Party[4]
und die Alternative für Deutschland[5]. Manche sagen, Musk sei ein
radikaler Neoliberaler, der einen sehr schlanken Staat als unverzichtbar für
die Gesellschaft ansieht: Sein Ideal ist der „Abbau staatlicher
Überregulierung, zur Steuersenkung und zur Deregulierung des Marktes“
Der Posthumanismus
dezentriert das menschliche Subjekt, indem er die Bedeutung von Maschinen in
der Gesellschaft betont und annimmt, dass Menschen sich in Maschinen verwandeln
können. Die Allmacht des Posthumanismus und Transhumanismus in Bezug auf die Maschine
zeigt Parallelen zum faschistischen Kult um Geschwindigkeit, Industrie,
mechanisierte Gewalt und das maschinelle Ethos, das charakteristisch für
Marinettis faschistischen Futurismus und die Deutsche Konservative
Revolution war, die den Aufstieg des Nazi-Faschismus intellektuell
vorbereitete.
Marinettis Futuristisches
Manifest veranschaulicht den Techno-Fetischismus: „Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit
bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen
Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen …
ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als
die Nike von Samothrake. […] Wir wollen den Krieg
verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt –, den Militarismus, den
Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die
man stirbt, und die Verachtung des Weibes“ (Marinetti 1909). In ähnlicher Weise
fetischisierte Ernst Jünger Maschinen – sowohl Industriemaschinen als auch
Kriegsmaschinen – in Büchern wie Der Arbeiter: „So gibt es keinen
Maschinenmenschen; es gibt Maschinen und Menschen – wohl aber besteht ein
tiefer Zusammenhang zwischen der Gleichzeitigkeit neuer Mittel und eines neuen
Menschentums. Um diesen Zusammenhang zu erfassen, muß
man sich allerdings bemühen, durch die stählernen und menschlichen Masken der
Zeit hindurchzusehen, um die Gestalt, die Metaphysik, zu erraten, die sie
bewegt“ (Jünger 1932/1981, 63, 67).
Die Bevorzugung von
Maschinen gegenüber Menschen ist eine Ideologie, die leicht zu jenem
Anti-Humanismus werden kann, den der Faschismus als eine seiner ideologischen
Grundlagen benötigt. Der historische Faschismus beruhte ideologisch auf der
anti-humanistischen Verehrung der Maschinenmacht. Der zeitgenössische digitale
Post- und Transhumanismus birgt ein faschistisches ideologisches Potenzial, das
insbesondere in Situationen faschismusproduzierender Krisen politisch aktiviert
werden kann. Der neoliberale Tech-Optimismus verwandelt sich dann in eine
ideologische Dimension des digitalen Faschismus. Die TESKREAL-Ideologie des
Silicon Valley ist charakteristisch für die post- und transhumanistische
Ideologie, die sich in faschistischen Anti-Humanismus verwandeln kann.
Musk bezeichnet
progressives Denken als das „Woke-Mind-Virus“ (Musk
2024a). Er hat nationalistische Bedenken hinsichtlich der Einwanderung geäußert
und davor gewarnt, dass diese dazu führen könnte, dass eine Nation „seine
Identität […]im Streben nach Globalisierung verliert. Eine Nation muss ihre
Grundwerte und ihr kulturelles Erbe bewahren, um stark und geeint zu bleiben”
Musk lehnt Gewerkschaften
ab und sagt: „Ich bin gegen das Konzept der Gewerkschaften […] Ich glaube, dass
Gewerkschaften naturgemäß versuchen, in einem Unternehmen eine negative
Stimmung zu schüren und eine Art Herren-und-Bauern-Verhältnis zu schaffen“ (Musk
2023). Er bezeichnet sich selbst als „Verfechter der absoluten
Meinungsfreiheit”[6]. Das Bekenntnis vieler
Unternehmen zu Toleranz, Vielfalt und Meinungsfreiheit schwindet oft in dem
Moment, in dem ihre finanziellen Interessen in Frage gestellt werden. So
berichtete beispielsweise laut der Süddeutschen Zeitung das ZDF, das zuvor
kritische Berichte über Tesla veröffentlicht hatte, dass ihm die Akkreditierung
für die Einweihung der Gigafactory Berlin-Brandenburg im März 2022 verweigert
wurde (Posselt 2022). In der von bestimmten Unternehmen propagierten
Weltanschauung scheint Meinungsfreiheit nur für diejenigen zu gelten, die das
uneingeschränkte Streben nach Profit nicht in Frage stellen.
Musks öffentliche
Äußerungen spiegeln Elemente einer neoliberalen und techno-optimistischen
Ideologie wider, die oft mit dem in der Wissenschaft als „autoritären
Neoliberalismus“ bezeichneten Phänomen in Verbindung gebracht wird.
Meta/Facebook unterstützte Trumps
Amtseinführungsveranstaltung mit einer Million Dollar. Zusammen mit anderen
Tech-Mogulen war Mark Zuckerberg, CEO und
Mitbegründer von Meta, bei der Veranstaltung
anwesend. Nach dem Cambridge-Analytica-Skandal führte der öffentliche Druck
dazu, dass Facebook ein Programm zur Faktenprüfung einführte. Kurz vor Trumps
Amtseinführung 2025 beendete Zuckerberg das Faktenprüfprogramm von Meta in den USA und behauptete, dass die
US-Präsidentschaftswahl 2024, die zu Trumps Sieg führte, ein „kultureller
Wendepunkt hin zu einer erneuten Priorisierung der [Meinungs-]Freiheit“ sei und
dass Meta daher die „freie Meinungsäußerung auf
unseren Plattformen wiederherstelle“ (Zuckerberg 2025). Er bezeichnete Faktenprüfer:innen außerdem als „zu politisch
voreingenommen“ (Zuckerberg 2025). Faktenprüfer:innen
sind professionelle Journalist:innen, die wissen, wie
man überprüft, ob bestimmte Behauptungen wahr oder falsch sind. Sie sind Teil
einer Medienkultur, die für Meinungsfreiheit eintritt und gegen politische
Voreingenommenheit arbeitet. Kritiker:innen
argumentierten, dass die Entscheidung faktisch den rechtsextremen
Desinformationsnetzwerken zugutekomme, indem sie die Moderationskapazitäten
einschränke.
Peter Thiel ist einer der
Mitbegründer von PayPal und Palantir Technologies. Palantir ist ein Unternehmen
für Sicherheit und Datenanalyse. Er gründete Risikokapitalfirmen wie Founders Fund, Valar Ventures und Mithril Capital und
investierte in Unternehmen wie Facebook, SpaceX, Airbnb,
Spotify usw. Berichten zufolge spendete Thiel 1,25 Millionen US-Dollar für
Trumps Wahlkampagne 2016 und die damit verbundenen Super-PACs (Streitfeld
2016), sprach auf der Republican National Convention
2016, wo er Trump öffentlich unterstützte, war Mitglied im Übergangsteam von
Trump nach dessen erstem Wahlsieg, veranstaltete Spendenaktionen für Trump und
ermutigte Persönlichkeiten aus dem Silicon Valley, sich für die Trump-Regierung
zu engagieren. Thiel hat die Demokratie Technologie offen in Frage gestellt und
autoritäre Systeme befürwortet: „Ich glaube nicht mehr, dass Freiheit und
Demokratie miteinander vereinbar sind. […] Anders als in der Welt der Politik
können in der Welt der Technologie die Entscheidungen einzelner Personen noch
maßgeblich sein. Das Schicksal unserer Welt könnte vom Einsatz einer einzigen
Person abhängen, die die Mechanismen der Freiheit aufbaut oder verbreitet, die
die Welt für den Kapitalismus sicher machen“ (Thiel 2009). Solche Aussagen und
Thiels Handlungen sind charakteristisch für die Ideologie des neoliberalen
Autoritarismus.
Marc Andreessen war
Mitbegründer von Netscape Communications, das den beliebten WWW-Browser
Netscape Navigator entwickelte. 2009 gründete er zusammen mit Ben Horowitz die
Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz, die in Tech-Plattformen wie Coinbase
(Kryptowährung), Slack (Kooperations- und Kommunikationsplattform), Pinterest
(Bild-Sharing-Plattform), DigitalOcean (Cloud-Computing), Airbnb,
Instagram und Twitter investierte. Andreessen unterstützte Trump im
Präsidentschaftswahlkampf 2024. Laut Daten spendete Andreessen Horowitz rund 7
Millionen US-Dollar für Trumps Wahlkampagne 2024 (Datenquelle: OpenSecrets 2024). Andreessen kündigte seine Unterstützung
für Trump öffentlich im Jahr 2024 an und erklärte, die Biden-Administration
überreguliere die Tech-Konzerne und besteuere sie übermäßig.
Im Jahr 2023
veröffentlichte Andreessen (2023) das Techno-optimistische Manifest, das
von manchen als radikal neoliberales und libertäres Werk angesehen wird, das
den digitalen Kapitalismus verherrlicht und digitale Technologien
fetischisiert. Er will den digitalen Kapitalismus beschleunigen und
radikalisieren und stützt diese Forderung auf die techno-deterministische
Annahme, dass digitale Technologien die Lösung für die Probleme der
Gesellschaft sind und nur positive Auswirkungen haben: „Technologie ist der
Ruhm menschlichen Ehrgeizes und Schaffens, die Speerspitze des Fortschritts und
die Verwirklichung unseres Potenzials. […] Wir glauben an den Akzelerationismus – die bewusste und gezielte Förderung
technologischer Entwicklung – um das Gesetz der beschleunigten Renditen zu
erfüllen. Damit die techno-kapitalistische Aufwärtsdynamik ewig anhält. […] Die
techno-kapitalistische Maschine arbeitet für uns. Alle Maschinen
arbeiten für uns“ (Andreessen 2023). In diesem Manifest stellt Andreessen den
Staat als zentralisierten Planer dar, ineffizient, wissensarm und letztlich
schädlich für den Wohlstand. Stattdessen befürwortet das Manifest Märkte und
technologisches Unternehmertum als die wahren Motoren des Fortschritts. „Wir
glauben, dass Märkte eine grundsätzlich individualistische Möglichkeit sind,
überlegene kollektive Ergebnisse zu erzielen.“ Andreessen fördert das
Freund/Feind-Denken, das typisch für den Autoritarismus ist, und identifiziert
jede Idee und Politik, die die Unternehmensmacht regulieren will, als Feind:
„Wir haben Feinde. … Unsere gegenwärtige Gesellschaft wurde einer
Massen-Demoralisierungskampagne unterzogen […] – gegen Technologie und gegen das
Leben – unter verschiedenen Namen wie ‚Existenzrisiko‘, ‚Nachhaltigkeit‘,
‚ESG’, ‚Stakeholder-Kapitalismus‘, ‚Vorsorgeprinzip‘, ‚Vertrauen und
Sicherheit‘, ‚Technikethik‘, ‚Risikomanagement‘, ‚Degrowth‘, ‚Grenzen des
Wachstums‘“ Das Weltbild von Andreessen ist ein radikaler Kapitalismus, der vom
Staat nicht reguliert wird, verbunden mit Elementen des Autoritarismus. Daher
ist es nicht überraschend, dass er Donald Trump unterstützt hat.
Curtis Yarvin ist
Blogger, Autor und Softwareentwickler. Unter anderem haben Peter Thiel (Gellman
2023), Marc Andreessen[7] und J. D. Vance (Murphy
& Vance 2021) ihn als einen ihrer Einflüsse oder als interessanten Denker
bezeichnet. Yarvin schuf die intellektuelle Grundlage für das, was der
Digitalphilosoph Nick Land (2023) als „Dunkle Aufklärung“ („Dark Enlightenment“) bezeichnet, die philosophische Basis der
Alt-Right-Bewegung. Yarvin hat die intellektuellen Grundlagen des
zeitgenössischen Autoritarismus maßgeblich geprägt.
In Schriften unter dem
Pseudonym „Mencius Moldbug“ hat Yarvin dazu aufgerufen, die Demokratie durch
die Verschmelzung von Kapitalismus und Diktatur zu ersetzen, eine Monarchie,
die von einem politischen CEO regiert wird und den Staat in eine riesige Firma
verwandelt – eine Art CEO-Monarchie. Er argumentiert, man solle „den besten CEO
der Welt finden und ihm uneingeschränkte Kontrolle über Budget, Politik und
Personal geben“ (Moldbug 2008, 136) sowie „absolute
souveräne Autorität“ (Moldbug 2009, 259). Moldbug propagiert „den Untergang der Verfassung und deren
Ersetzung durch eine eisern harte Unternehmensdiktatur“ (Moldbug
2009, 265). Er behauptet, jedes Problem könne „durch die Installation eines
neuen Managements mit uneingeschränkter Autorität behoben werden“ (Moldbug 2008, 321). Yarvin schreibt, dass „Hitler ein Genie
war“ (Moldbug 2009, 184) und dass „Mussolini gute
Arbeit beim Umgang mit der Mafia leistete“ (Moldbug
2009, 184). Moldbug propagiert die Umwandlung des
Staates in ein Unternehmen. Er beschreibt ein hypothetisches
Gedankenexperiment, bei dem eine Bewegung ein System einführt, das er als
„rassistischen Unternehmensfaschismus“ charakterisiert (Moldbug
2008, 291).
Die Diskussion darüber,
wie digitale Tech-Mogule den Autoritarismus
unterstützen, könnte fortgesetzt werden, aber hier müssen wir an dieser Stelle
aufhören. Öffentliche Äußerungen und politische Spenden von Personen wie Elon
Musk, Mark Zuckerberg, Peter Thiel, Marc Andreessen und Curtis Yarvin wurden in
wissenschaftlichen und journalistischen Kommentaren als Hinweis auf einen
breiteren Trend interpretiert, bei dem sich Teile des digitalen Kapitals mit
autoritärer oder nationalistischer Politik verbinden.
Das digitale Kapital ist
eine der Kapitalfraktionen, die im aktuellen globalen Kontext, geprägt vom
Aufstieg neuer rechter Bewegungen, dazu neigen, sich mit autoritärer Herrschaft
zu verbinden oder diese zu ermöglichen, was zu dem beiträgt, was als autoritärer
digitaler Kapitalismus bezeichnet werden kann. Die Grenze zwischen autoritärem
digitalem Kapitalismus und digitalem Faschismus ist oft fließend.
Viele der analysierten
Weltanschauungen teilen eine starke Ablehnung staatlicher Regulierung von
Unternehmen, technologischen Determinismus, den Fetischismus starker
Führungsfiguren und den Glauben an bestimmte Aspekte der sozialdarwinistischen
Ideologie des Überlebens des Stärkeren in Wirtschaft und Gesellschaft.
In ihrem Aufsatz „Die
kalifornische Ideologie“ vertreten die Medien- und Politikwissenschaftler
Richard Barbrook und Andy Cameron die Auffassung, dass die digitale Kultur des
Silicon Valley die Ideologie des Neoliberalismus mit der rechten Ideologie teilt:
„die Ideologen der Westküste [haben] die Ideologie des Laissez-faire ihres
einstigen konservativen Feindes übernommen“ und befürworten die Schaffung eines
„elektronischen Marktplatz[s]“ (Barbrook &
Cameron 1997). Die beiden Denker sagen, dass die Ideologie des Silicon Valley
blind ist gegenüber „Rassismus, Armut und Umweltzerstörung“, auf denen das
neoliberale Modell der digitalen Technologie basiert – wie sich beispielsweise
an den schlechten Arbeitsbedingungen zeigt, mit denen viele Arbeitsmigranten in
der Chipfertigung im Silicon Valley konfrontiert sind. Im Zeitalter des neuen
Faschismus sagen manche, dass die kalifornische Ideologie aufgehoben wurde,
sodass sie eine neue Stufe erreicht und zur kalifornischen Ideologie 2.0 wird –
einer Ideologie, die aktiv autoritäre und faschistische Politik finanziert und
unterstützt, die xenophob, rassistisch, nationalistisch, antidemokratisch und
diktatorisch ist.
Little and Witch (2021) betonen, dass die Tech-Gurus des Silicon
Valley wie Elon Musk, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Peter Thiel, Larry Page und
Sergey Brin überwiegend Männer sind, die einen
„patriarchalischen digitalen Kapitalismus“ verkörpern (Little & Witch 2021, 184). Der Faschismus basiert traditionell auf
patriarchalischen Werten und Praktiken, wie der Idealisierung des männlichen
Soldaten und der Zurückdrängung von Frauen inden
Bereich des Haushalts. Deshalb ist der patriarchale digitale Kapitalismus
relevant, wenn wir den digitalen Faschismus analysieren. Es gibt weibliche
Gründerinnen und Top-Führungskräfte in der Digitalindustrie, wie Donna Dubinsky
(Palm), Adriana Gascoigne (Girls in Tech), Diane Greene (VMware), Julia Hu
(Lark Health), Sandy Lerner (Cisco), Marissa Mayer (Dazzle,
Sunshine, Yahoo!, Google), Kim Polese (Marimba, SpikeSource)
und Sheryl Sandberg (Meta/Facebook, Google). Genauso
wie es Frauen in rechtsextremen politischen Führungspositionen gibt, etwa
Marine Le Pen und Alice Weidel, gibt es auch Frauen-CEOs und Managerinnen in
der kapitalistischen Digitalwirtschaft. Teile des zeitgenössischen Patriarchats
haben sich von konservativen Familienwerten zu einem neoliberalen und
unternehmenszentrierten Feminismus gewandelt, der auf dem beruht, was Arruzza, Bhattacharya und Fraser (2019, 5) als eine „auf
Chancengleichheit beruhende Herrschaft“ bezeichnen, bei der „sich Männer und
Frauen der herrschenden Klasse gleichberechtigt die Aufgabe teilen, Ausbeutung
am Arbeitsplatz und gesamtgesellschaftliche Unterdrückung zu verwalten“ (4).
Die drei Autorinnen argumentieren, dass „Sandberg und ihresgleichen […] den
Feminismus als Magd des Kapitalismus“ erachten (4). Neoliberalismus, neuer
Faschismus sowie neoliberaler Autoritarismus und Faschismus reproduzieren nicht
nur das klassische Patriarchat, sondern fördern auch eine transformierte Form
des Patriarchats, in der Frauen gemeinsam mit Männern als autoritäre
Wirtschaftsführer und politische Führer auftreten, die die Arbeiterklasse und
andere Gruppen beherrschen. Die Patriarchen des digitalen Kapitalismus
versuchen, „[j]ede Art von Herausforderung gegenüber
der Autorität, die durch Gewerkschaften, Aktionär:innen
oder staatliche Kontrolle erfolgt, zu unterdrücken“ (Little & Witch 2021, 217). Zu diesem Patriarchat gehören auch
Frauen, die die Werte des Kapitalismus und des Autoritarismus reproduzieren und
teilen.
Rainer Mühlhoff (2025,
14-16, 118-119) argumentiert, dass Antidemokratismus, Gewalt und Technologie
als Machtinstrumente die drei Hauptmerkmale des Faschismus sind. In dem von ihm
so bezeichneten „neuen Faschismus“ hat sich die KI-Industrie eng mit der faschistischen
Politik verbunden. Im neuen Faschismus wird KI laut Mühlhoff als Instrument
faschistischer Macht eingesetzt. Mühlhoff
argumentiert, dass der neue Faschismus KI als Schlüsseltechnologie nutzt, um
Massenüberwachungssysteme und algorithmische Vorhersagen zu schaffen, mit denen
Einzelpersonen und bestimmte Gruppen klassifiziert, diskriminiert, unterdrückt
und potenziell eliminiert werden können. Sein Ansatz scheint auf der Annahme zu
beruhen, dass KI von Natur aus faschistisch ist. Dies ist eine recht
weitreichende und grundlegende Behauptung. Sie impliziert, dass KI niemals zur
Förderung des Gemeinwohls und einer demokratischen Gesellschaft eingesetzt
werden kann. Nicht jeder wird solche Annahmen teilen.
Die Arbeiten des
Philosophen John R. Searle zur KI ermöglichen eine andere Interpretation der
KI. Searle (1980) unterscheidet zwischen starker und vorsichtiger/schwacher KI:
„Nach der schwachen KI
liegt der Hauptnutzen des Computers bei der Erforschung des Geistes darin, dass
er uns ein äußerst leistungsfähiges Werkzeug an die Hand gibt. So ermöglicht er
es uns beispielsweise, Hypothesen auf strengere und präzisere Weise zu formulieren
und zu überprüfen. Nach der starken KI hingegen ist der Computer nicht bloß ein
Werkzeug bei der Erforschung des Geistes; vielmehr ist ein entsprechend
programmierter Computer tatsächlich ein Geist, in dem Sinne, dass man von
Computern mit den richtigen Programmen buchstäblich sagen kann, dass sie
verstehen und andere kognitive Zustände besitzen. In der starken KI sind die
Programme, da der programmierte Computer kognitive Zustände besitzt, keine
bloßen Werkzeuge, die es uns ermöglichen, psychologische Erklärungen zu testen;
vielmehr sind die Programme selbst die Erklärungen“ (Searle 1980, 417).
Die
starke KI ist eine Form des technologischen Fetischismus. Sie geht davon aus,
dass der Computer mächtiger ist als das menschliche Gehirn und daher
menschliche Aktivitäten nachahmen, simulieren, automatisieren und übertreffen
kann. Sie basiert auf der moralischen Annahme, dass digitale Maschinen
wichtiger als Menschen sind und ihnen überlegen sind. Genau dieser
Antihumanismus verbindet zeitgenössische Faschist:innen
mit bestimmten Vertreter:innen der KI- und
Digitalindustrie. Im Gegensatz dazu glaubt die schwache KI nicht an die
Machbarkeit und Wünschbarkeit, menschliche Gehirnarbeit durch KI zu ersetzen,
sondern sieht sie als eine Technologie, die dazu entwickelt und genutzt werden
sollte, um menschliche Tätigkeiten zu erweitern und nicht zu ersetzen. Gegen
die Annahme, dass alle KI faschistisch sei, lässt sich die Hypothese
aufstellen, dass es sowohl faschistische als auch demokratische, humane Wege
gibt, KI und digitale Technologien zu gestalten und zu nutzen. Das bedeutet,
dass bestimmte Formen von KI Merkmale aufweisen können, die sich leicht für
faschistische Zwecke missbrauchen lassen, während andere Merkmale eher für
demokratische Zwecke genutzt werden können. Es gibt stets potenzielle, unvorhersehbare
und unvorhersehbare Konsequenzen und Nutzungsformen, sodass die genauen
Auswirkungen von KI auf die Gesellschaft niemals vollständig vorhergesagt
werden können.
In den 1970er Jahren
schrieb der Kulturtheoretiker Raymond Williams (1974/2004) über Fernsehen und
Gesellschaft und argumentierte gegen den technologischen Determinismus, wonach
gesellschaftliche und technologische Entwicklungen dialektisch miteinander verbunden
sind. Basierend auf Williams lässt sich sagen, dass im Fall von KI, wie bei
anderen Technologien, menschliche „Absichten“ den „Forschungs- und
Entwicklungsprozess“ prägen; KI wird „mit bestimmten Zwecken und Praktiken im
Blick gesucht und entwickelt“ (Williams 1974/2004, 7).
Der digitale Kapitalismus
und der digitale Faschismus überschneiden sich und beeinflussen einander auf
vielfältige Weise. Vertreter:innen des digitalen
Kapitals haben rechtsextreme Parteien und Politiker:innen
finanziell, politisch und ideologisch unterstützt. Es gibt Parallelen zwischen
der kalifornischen Ideologie des Silicon Valley, der neoliberalen Ideologie und
der faschistischen Ideologie, die zu einer neuen Verschmelzung geführt haben:
dem digital-kapitalistischen Autoritarismus und Faschismus.
Klassische neoliberale
Theoretikerinnen und Theoretiker, wie Hayek und Friedman, argumentieren, dass
der Kapitalismus eine notwendige Grundlage der Demokratie ist: „Wenn
‚Kapitalismus‘ hier ein auf Wettbewerb und Privateigentum beruhendes
Wirtschaftssystem bedeuten soll, so ist es weit wichtiger, sich darüber klar zu
sein, dass nur im Rahmen eines solchen Systems die Demokratie möglich ist“
(Hayek 1944/2014, 79). „Die Geschichte lehrt jedoch nur, dass der Kapitalismus
eine notwendige Voraussetzung für politische Freiheit ist“ (Friedman 1962/2019,
30). Zeitgenössische Entwicklungen zeigen, wie falsch diese Behauptung ist. Das
Kapital neigt dazu, jede politische Ordnung zu unterstützen, die seine
Interessen am besten fördert. Deshalb beobachten wir heute die Tendenz zur
Verschmelzung von digitalem Kapitalismus und digitalem Faschismus. Slobodian
(2025, 29) argumentiert, dass Hayeks Theorie dem sozialen Darwinismus ähnelt,
was eine Verbindungstür zwischen Neoliberalismus, digitaler Ideologie und
Faschismus darstellt.
In diesem Aufsatz wurde dargelegt, dass das Spektakel rund um Trumps Amtseinführung im Jahr 2025, an dem die mächtigsten Tech-Magnaten der Welt teilnahmen, die Verschmelzung von digitalem Kapital und autoritärer Politik verdeutlichte. Der Aufsatz hat den Faschismus durch den Ansatz der Frankfurter Schule und ihres Konzept des Autoritarismus neu beleuchtet. Dies bedeutet, dass der Fokus auf der Beziehung zwischen Kapitalismus und Faschismus liegt. Der Faschismus ist eine antidemokratische Form des rechten Autoritarismus. Er bedient sich des Führerkults, des Nationalismus, des Freund-Feind-Schemas und des militanten Patriarchats. Der Faschismus neigt dazu, sich in kapitalistischen Krisen zu verschärfen. Wirtschaftseliten haben ihn oft unterstützt.
Das „Digitale“ ist hier kein
neutrales Instrument. Es ist
ein soziotechnisches
Terrain, das durch Konvergenz
und Prosumption geprägt ist. Es löst die Grenzen zwischen Produktion und Konsum sowie zwischen
Online- und Offline-Leben auf. Der Aufsatz konzeptualisiert den digitalen Faschismus als Dualität: Faschistische Praktiken (Kognition,
Kommunikation, Koproduktion) und digitale
Strukturen erzeugen sich wechselseitig. Das ist die „Triple-C“-Dynamik. Diese
Dialektik prägt konkrete Merkmale wie nutzergenerierten Hass und Desinformation, algorithmisches
Targeting und Bot-Armeen, Cyberangriffe, Datenüberwachung sowie digital vermittelte Bedrohungen und Gewalt. Anhand von zehn Arbeitshypothesen zeigt der Aufsatz die historischen Kontinuitäten und Diskontinuitäten des Faschismus
auf. Er hat sich gewandelt:
von zentral orchestrierter Rundfunkpropaganda hin zu Influencer-Netzwerken; von rassistisch definierten Feinden hin zu
Kulturkriegen; von Straßenmilizen
hin zu Bot-Armeen; von offenem Hass auf die Demokratie hin zu schleichendem
Faschismus.
Der Text setzt diese
Dynamiken mit der politischen Ökonomie des digitalen Kapitalismus in Verbindung.
Das Kapital ist politisch flexibel, und in der aktuellen Entwicklungsphase des
Kapitalismus stellen zentrale Kapitalfraktionen – Finanzen, Fossil- und
Transportsektor sowie insbesondere die Digital- und Kommunikationswirtschaft –
Mittel, Plattformen und Ideologien für aufkommende autoritäre Projekte bereit.
Manche werden sagen, dass Figuren wie Musk, Zuckerberg, Thiel, Andreessen und Yarvin das veranschaulichen, was man eine kalifornische
Ideologie 2.0 nennen könnte – eine techno-deterministische und neoliberale
Weltanschauung, die Märkte, Innovation und Führung wertschätzt, während sie
Skepsis gegenüber Regulierung, Arbeiterorganisationen und egalitärer
Umverteilung zeigt. Allgemein besteht die Gefahr heute im Aufstieg eines
autoritären digitalen Kapitalismus, dessen Grenze zum digitalen Faschismus
zunehmend durchlässig erscheint.
Franz L. Neumann
diskutiert das Verhältnis zwischen Nazi-Deutschland und dem Kapitalismus:
„Thyssen, Kirdorf und
andere zahlten 1932 der Nationalsozialistischen Partei die Schulden […] Die
Häuser der Industrieführer standen Hitler und Ley, Göring und Terboven offen. […] Im Hinblick auf die imperialistische
Expansion besitzen der Nationalsozialismus und das Großkapital identische
Interessen. Der Nationalsozialismus strebt nach Ruhm und Stabilisierung seiner
Herrschaft, die Industrie nach der vollen Nutzung ihrer Kapazitäten und
Eroberung fremder Märkte. Die deutsche Industrie ist bereit gewesen, voll und
ganz zu kooperieren. Demokratie, bürgerliche Rechte, Gewerkschaften und
öffentliche Diskussion hat sie nie gemocht. Der Nationalsozialismus benutzte
den Wagemut, die Kenntnisse, die Aggressivität der industriellen
Führungsschicht, während die ‚Wirtschaftsführer‘ den Antidemokratismus, Antliberalismus und die Gewerkschaftsfeindlichkeit der
Nationalsozialistischen Partei benutzten, die jene Techniken, mit denen die
Massen gelenkt und beherrscht werden können, voll entwickelt hatte“ (Neumann
1944/2018, 421, 422).
Heute
wird die Macht des Faschismus nicht gegen, sondern durch den digitalen
Kapitalismus konstituiert. Das digitale Kapital und andere Klassenfraktionen
unterstützen den Autoritarismus und/oder den Faschismus, um die Interessen der
Arbeiterklasse zu zerstören, Menschenrechte und Minderheiten zu unterdrücken
und unkontrolliert Kapital zu akkumulieren.
Der Kampf gegen digitalen
Faschismus erfordert nicht Techno-Optimismus oder Techno-Pessimismus, sondern
eine verfassungsrechtliche digitale Demokratie: durchsetzbare Rechte, eine
robuste Regulierung der Plattformmacht und der Datennutzung, Schutzmaßnahmen
für Arbeiterinnen und Arbeiter sowie für Gewerkschaften und eine
Öffentlichkeit, die gegen die Postfaktizität gewappnet ist. Zusätzlich brauchen
wir eine resiliente digitale Demokratie, eine neue Form der partizipativen
digitalen Demokratie, in der öffentlich-rechtliche und genossenschaftliche
Internetprojekte eine Autonomie gegenüber der Macht des digitalen Kapitals
etablieren. In Anlehnung an den kritischen Theoretiker Franz L. Neumann (siehe
auch Fuchs 2017) wollen wir diesen Aufsatz mit der Feststellung schließen, dass
Bildung und politisches Handeln eine doppelte Pflicht sind, wenn die Freiheit
im digitalen Zeitalter überleben soll:
„So bleibt für uns als
Universitäts- und als Staatsbürger der doppelte Angriff gegen die Angst und für
die Freiheit: der der Erziehung und der der Politik. Politik wiederum sollte
ein Zweifaches für uns sein: die Durchdringung des Wissenschaftsstoffes mit den
Problemen der Politik – natürlich nicht der Tagespolitik – und die
Stellungnahme zu politischen Fragen. Wenn wir es mit der Humanisierung der
Politik ernst meinen, wenn wir vermeiden wollen, daß
sich ein Demagoge die Angst und Apathie zunutze macht, dann dürfen wir, Lehrer
und Studenten, nicht schweigen. Hochmut, Trägheit und Abscheu vor dem Schmutz
der Tagespolitik müssen wir unterdrücken. Wir müssen reden und schreiben. [...]
Nur durch unsere eigene verantwortliche erzieherische und politische Tätigkeit
kann aus den Worten des Idealismus Geschichte werden“ (Neumann 1978, 453).
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Christian Fuchs
Christian Fuchs ist ein kritischer Theoretiker der Kommunikation und der Gesellschaft. Er ist Professor für Mediensysteme und Medienorganisation an der Universität Paderborn und Mitherausgeber der Zeitschrift tripleC: Communication, Capitalism & Critique (https://www.triple-c.at). Er ist Autor kritischer Theorie-Bücher wie Communication and Capitalism: A Critical Theory (https://doi.org/10.16997/book45), World War and World Peace in the Age of Digital Capitalism (https://doi.org/10.16997/mpub.13082283), und Critical Theory of Communication: New Readings of Lukács, Adorno, Marcuse, Honneth and Habermas in the Age of the Internet (https://doi.org/10.16997/book1). Weitere Informationen: https://fuchsc.net.
[1] https://www.youtube.com/shorts/JNmOD5EVmZA, abgerufen am 7. Oktober 2025.
[2] https://www.bloomberg.com/billionaires/, abgerufen am 7. Oktober 2025.
[3] Für Kittler (1993, 8)
sind technische Medien Medien, die „Übertragung, Speicherung, Verarbeitung von
Information“ ermöglichen.
[4] https://x.com/elonmusk/status/1874587515270967348, abgerufen am 16. März
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[5] https://x.com/elonmusk/status/1893040457803813322, abgerufen am 16. März
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[6] https://twitter.com/elonmusk/status/1499976967105433600?lang=en, abgerufen am 16. März 2026.
[7] https://x.com/pmarca/status/1880739649301463536, abgerufen am 16. März 2026.